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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 1 (1909) · p. Seite 20

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
1 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 20 (sequence 23)
Language
German
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— 20 - in den Dörfern berufen. Jedes Jahr gab es einige aufsässige Mitglieder, die dem Gastmahl nicht beiwohnen wollten. Dann kam die Musikbande, spielte in dem Hause des Widerstrebenden gewisse Melodien und führte ihn siegreich zum Festmahl." Eine Ausnahme bildeten nur die Kempner Klesmorim, die sich bis in die neueste Zeit erhalten haben. Sie erfreuten sich einer gewissen Berühmtheit, und bildeten eine eigene Zunft.1) Das Hamburger Israelit. Familienblatt2) weiß von ihnen zu berichten: „Unter dem Namen ,Kempner Juden' zieht seit Jahrzehnten3) eine aus fünf Mann bestehende jüdische Musikkapelle in Posen und Schlesien herum. Die Künstler spielen nicht nur ohne Notenkenntnis lediglich nach dem Gehör alte und neue Musikstücke, sondern singen auch politische und humoristische Weisen, ähnlich den Kouplets der Bühnen. Ihre Lieder sind in den Gauen, die sie durchziehen, ebenso bekannt, wie die Künstler selbst. Die Kapelle, nach ihren Häuptlingen die Singer-Braunsche genannt, besteht aus Flöte, Klarinette, Geige, Viola und Brummbaß und stammt aus der Stadt Kempen in der Provinz Posen. In den Eestaurationen läßt sie ihre Weisen vor den Gästen ertönen, auf Festen spielt sie zum Tanz auf, ja auch bei patriotischen Feierlichkeiten liefert sie die Marschmusik in dem Orte, in dem sie sich gerade befindet. Die Künstler stehen jetzt bereits im vorgerückten Lebensalter, haben wohl schon ein Sümmchen gespart und lassen ihren Kindern zum Teil eine recht gediegene Erziehung zuteil werden. Doch über ihre Beziehungen zu unserem Hofe! Der Fürst von Pleß hatte im Anfang der siebziger Jahre die Ehre, Kaiser Wilhelm I. als Gast zur Jagd bei sich zu sehen. Der Kaiser nahm auf Jagdschloß Promnitz Quartier. Dort fanden sich auch die Kempner Juden ein und drückten sich solange vor den Fenstern der Zimmer herum, welche der Kaiser bewohnte, gestikulierten so lange, bis der gütige Monarch einen Diener zu ihnen schickte mit der Anfrage, was sie begehrten. Die „Kempner" erklärten, es würde das höchste Glück ihres Lebens sein, wenn sie vor ihrem Kaiser spielen und singen dürften. Die Bitte wurde gewährt, die Musikanten ins Schloß beordert und der Kaiser ergötzte sich sichtlich an ihren originellen Leistungen. Eine Belohnung wiesen die Künstler zurück. Nur eine Bescheinigung erbaten sie sich darüber, daß sie vor „ihrem Kaiser" gespielt und gesungen hätten. Auf Befehl des Kaisers fertigte das Hofmarschallamt diese Bescheinigung den hocherfreuten Musikern aus. Im Jahre 1873 war nun der Kronprinz Gast des Fürsten Pleß auf Jagdschloß Promnitz. Natürlich fanden sich auch wiederum die „Kempner" ein, und nachdem sie bis zum Kronprinzen vorgedrungen waren, erklärten sie ihm, sie hätten bereits vor seinem „gnädigen Herrn Vater" gespielt und bäten bei ihm um dieselbe *) Jew. Encycl. 2) Jahrg. 1900 (gütige Mitteilung des Herrn Dr. Grunwald). 8) Sie sind in dieser Arbeit bereits aus den Jahren 1790—99 erwähnt.

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