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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 1 (1909) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
1 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 4 (sequence 7)
Language
German
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— 4 — Fahrende Leute hei den Juden. Von Albert Wolf ges. And. Aus dem Nachlaß des Verfassers auf Wunsch der Witwe herausgegeben von Dr. M. Grunwald. (Fortsetzung.) Noch enthusiastischer schrieb Saphir1) über Gusikow: „Habt ihr ihn gehört den Dämon Paganinis, wie er auf dem Fiedelbogen saß und mit unheimlichem Zauber dahinpfiff über die vier Saiten, daß alle Geister des Schmerzes und der Lust und der Zerissenheit heraustollten und herausweinten und herauslachten aus diesen vier Saiten, wenn das kleine Männchen mit dem Johanniswürmchenblick und mit dem Erinnyenhaar über sie hinfuhr in absonderlicher Weise und Zuckung? Habt ihr ihn gesehen, den Maestro Nicolo Paganini, diese lebendige Säule pleureur, mit den herabhängenden Armen und den Kobolden auf den Fingerspitzen, mit seiner nationeilen Wildheit, mit seinem lachenden Grimm und mit seinem weinenden Scherz? Hat euch ein Grauen voll Süßigkeit und eine Wollust voll Pein ergriffen, wenn diese kleine hagere Gestalt mit der hexenbraunen Geige vor euch hintrat, und aus dem kleinen Instrumente herausbeschwor alle lustigen Teufel und alle tanzenden Engel, und alle schauerlichen Wurzelmännchen eines zerissenen, hohnerfüllten und zerfallenen Gemüthes? Wohlan, so kommt mit, von dem wilden Anblick des Maestro Nicolo zu dem wehmütigen des Maestro Giuseppe! Sagte ich Maestro Giuseppe? Ach nein, nicht Maestro Giuseppe, nein, bloß Heb Joseph Gusikow, ein polnischer Israelite, ein wohlerhaltenes Exemplar aus den Zeiten, wo sie an den Strömen Babylons saßen und weinten, und ihre Harfen an die Trauerweiden hingen! Gebt mir euren Arm, hochgelehrte Herren, Kenner und Gönner, gebt mir euren schönen Arm, holde Frauen und Beschützerinnen der Kunst; kommt mit mir, ihr schönen Geister, und schönen Seelen und schönen Herzen alle, nehmt mit eure Lorgnons und Gucker, schämt euch nicht, kommt mit mir, wir wollen in das Concert des armen Israeliten aus Polen gehen, der nicht gelernt hat, wie man sieh in Eesidenzen erst durch Zeitungen muß ankündigen lassen, der nicht gelernt hat, Concertbillete mit güldenen und gerändelten Kanten drucken zu lassen, der nicht gelernt hat, in seidnen Strümpfen zu antichambriren, und der nicht gelernt hat, die schöne Frauenwelt für sich zu interessieren. Kommen sie mit mir, meine schönen Damen: , Joseph Gusikow, der polnische Israelite, spielt auf dem Holz- und Stroh-Instrumente/ Die Bescheidenheit selbst kann nicht bescheidener sein, als der Mann und sein Instrument und Beider Namen. Lassen Sie sich durch diese Bescheidenheit nicht abschrecken, meine holden Damen; der bescheidene *) Stroh- und Holz-Variationen. (Ges. Schriften, IV, S. 107 ff.)

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