Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Dritter Jahrgang (1907)
- Issue
- 4 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2638044-2638053-2638057--0517-2638710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 148 — jüdischen Bewegung, zu deren Repräsentanten Jungmann zu rechnen ist, eine neue aussicbtsvolle Zeit an, die wir mit seinen begeisterten Worten begrüssen: Verstummen soll das alte Lied der Leiden, Mein Herz begehrt die Festgesänge wieder! Ja, holt die Zionsharfen von den Weiden Und singt zum Saitenspiel die Jubellieder! S. W. Prof. DP. Moritz Benedikt. Aus meinem Leben, Erinnerungen und Erörterungen. Wien, Carl Konegen, 1906. 419 S. 8°. Es ist immer interessant, die Entwickelung einer reich begabten Persönlichkeit der in ihren Lebenserinnerungen zu verfolgen. Ist aber die betreffende Person eine von Gott so überaus an Talent und Fähigkeiten begnadete, wie Fall Benedikt liegt, so gestaltet sich die Lektüre ihrer Erinnerungen zu einem Vergnügen und die Person selbst zu einem Vorbilde, nmsomehr als ihrer normalen Entwickelung verschiedene Hemmnisse in den Weg gelegt wurden, die . aber ihren glänzenden Lebenslauf nicht aufhalten konnten. Für uns ist aber das Verhältnis Benedikts zum Judentum von Interesse, und in diesem Punkte wird auch der vorurteilfreieste Leser ganz überrascht sein, indem er die Juden im ganzen über 400 Seiten dicken Buch nur etwa auf 3—4 erwähnt findet, und zwar ganz nebenbei. Und doch scheint es dem Referenten, dass, wenn das offizielle akademische und bureaukratische Wien sich Benedikt nach seiner Aussage feindlich gegenüberstellte und, wenn er sich zeitweilig zur Wehr setzte, ihn noch dazu zum professionierten Kampfhahn stempelte, hier seine Angehörigkeit zum Judentum nicht die letzte Bolle spielte. Die heiklen spezifisch-jüdischen Fragen werden unberührt gelassen. Vielleicht interessierten sie Benedikt nicht! Nur einmal' entschlüpfen ihm einige Worte der Empörung, wenn er in Toledo ein Blutmärchenbild zu sehen bekommt. Unangenehm berührt es, dass, indem der tschechisch-deutsche Streit und ähnliche Fragen lang und breit geschildert werden, dem Antisemitismus kein Wort geschenkt wird. Und doch war es ein früherer Kampfgenosse Benedikts, der die jüdischen Aerzte begeiferte. Uebrigens war es nur eine gerechte Vergeltung für ihre Einmischung in solche Dinge, die sie eigentlich gar nichts angehen. Drastisch druckt sich Benedikt den jüdischen Aerzten gegenüber aus: „Die Schmöcke waren auch fanatisch deutschnational, bis sie die Deutschnationalen vor die Tür setzten." Wenn aber Benedikt meint, ein guter Oesterreicher zu sein, so berührt das geradezu tragisch. Denn dass der gute Oesterreicher nichts nützt, hat doch Benedikt selbst an Leib und Seel' erfahren. Er hat aber die Ursache trotz seines sonst so scharfen Blickes nicht erkannt. Der gute Oesterreicher mag eben den Juden Benedikt nicht, was er ihn nicht selten in wenighöflicher Weise empfinden Hess, aber der Jude fühlte sich dadurch nicht gekränkt. „Wäre ich ein Tscheche, Magyare oder Pole gewesen, meine Konnationalen hätten das Prioritätsrecht gewahrt", klagt Benedikt, und ebenso an anderem Orte: „in Wien und Oesterreich fehlte jener Kreis, der meine Priorität aus nationalem Ehrgefühle hätte verteidigen sollen." Was ist denn da näher als der logische Schluss, dass ein Mann wie Benedikt an seine Genossen, die Juden, appellieren musste, anstatt über die Undankbarkeit des guten Oesterreichers zu klagen, dessen Gefühle von unverblümter Verachtung den Juden gegenüber geleitet wurden. Aus manchen Stellen des Buches ist zu ersehen, dass Benedikt noch nicht alles gesagt hat, was er sagen wollte. Vielleicht wird er künftig uns auch mit seinen jüdischen Erinnerungen bescheren. Dr. S. Weissenburg. Nordmann Dr. Aeh. Ueber den Judenfriedhof in Zwingen und Judenniederlassungen im Fürstbistum Basel. (Sep.-A. aus d. Basler Ztschr. f. Gesch. u. Alterskunde VI, 1.) 1906. Eine durch zwei Pläne illustrierte Monographie über den um 1573 angelegten Judenfriedhof in Zwingen. Die alten Grabsteine sollen 1829 beim Bau der unteren Birsbrücke verwendet worden sein, wofür an dieser noch Spuren