Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Dritter Jahrgang (1907)
- Issue
- 3 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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— 90 — kommen vorgehabt hätten, da sie aber erfahren, dass dort Gürtel auf Wienerische Art getragen würden, seien sie alle nach Leipzig gezogen." Wenig muten Disputationen an, „die sich in den schmutzigsten Zoten ergehen, so dass die verwegensten studentischen Bierreden unserer Tage, verglichen mit dem, was die alte Zeit an feierlichem Ort — oft in einer Kirche — in Gegenwart des Rektors und der würdigsten Häupter der Fakultäten vorzubringen für erlaubt hielt, als schüchtern und harmlos bezeichnet werden müssen." „Die Schüler spielten (S. 51) auf dem Kirchhof, der zugleich Schulhof war." Hebr. Buchstaben begegnen uns S. 124. Das Sondern der Kinder nach Altersklassen in einem und demselben Zimmer (53. 56) finden wir auch im jüdischen „Cheder." Ebenso die Unterstützung des Lehrers durch den Schulgehilfen (Locatus) S. 54, der dort „Belfer" („Behelfer") genannt wird. Das 5.Rosehchodeseh"-Geld u. a. (vgl. die Deposition S. 92) findet hier ebenfalls Analoga Von solchen Analogien findet sich allerdings bei Reieke nichts. Und doch hätte er schon in den „Monum. Paed. Germ." oft genug darauf stossen können. Tk. Wampe. Die fahrenden Leute. 1902. Hier liest man S. 76: „Zum überwiegenden Teil entstammen die Ausdrücke — der Gaunersprache — dem Hebräischen oder richtiger dem Judendeutsch, wie denn die meisten Formen, namentlich alle Nebenwörter, und ebenso Flexion und Satzbau überhaupt der deutschen Sprache angehören." „Muss man doch das jüdische Element überhaupt als eines der Grundelemente des deutschen Gauner- und Räuberwesens betrachten.'1 Nun kommt scheinbar Anerkennung mildernder Umstände, in Wahrheit eine Begründung, die allem die Krone aufsetzt. „Die mittelalterlichen Christen haben es — das Judentum — dazu gemacht. Waren die Juden durch ihre soziale Stellung schon frühzeitig nicht selten förmlich darauf angewiesen, der Gewalt List und Betrug entgegenzusetzen, so war dies in erhöhtem Mass in jenem schrecklichen 14. Jahrhundert der Fall, da der Aberwitz die rohen Leidenschaften des Volkes gegen die Juden entfesselte. Viele derselben, an Leib und Leben bedroht, flohen damals aus den Städten, wo die Verfolgung am wildesten wütete, in die Einöden und Wälder, und hier sind dann aus den Verfolgten, Vertriebenen, Geächteten nur zu häufig Rächer, Räuber und Diebe, Bedrücker der Menschheit geworden. Ja die Zahl solcher, bald mit allerlei anderem tagscheuen Gesindel vermischter jüdischer Gauner war um die Wende des 14. und 15. Jahrhunderts so gross, dass frühere Forscher in ihnen geradezu die Stammväter der etwas später auftretenden Zigeuner haben erblicken wollen." Für den Verfasser sind offenbar die Widerlegungen Ave-Lallemant's (durch Steinschneider, neuerdings durch Steinitz) terra incognita Aus dem Judendeutschen, das sich, als so naheliegend, zur Geheimsprache wie von selbst anbot, haben die Gauner einzelne Worte entlehnt, die aber in ihrer Vermummung im „Kochernerloschen" auf den ersten Blick erkennen lassen, dass sie nicht jüdischer Mund so verballhornt hat Was der Verf. über jüdische Räuber sagt, als hätte man in ihnen Komplizen der adligen Raubritter zu suchen, ist nicht ernst zu nehmen. Wir empfehlen ihm zu besserer Unterrichtung über die wirtschaftliche Bedeutung der Juden in deutscher Vorzeit Gustav Freytag. Karl Lamprecht. Jansen u. a., von Historikern jüdischer Herkunft absichtlich zu geschweigen. Einer objektiven Darstellung des Gegenstandes, wäre die Quellenangabe in „The Jew. Eucycl." s. v. Judaeo-German, Athletes, Vol. V p. 110, VIII 490 u. a, vor allem der im nächsten Heft unserer „Mitteilungen" erscheinende nachgelassene Aufsatz von Alb. Wolf über jüdische „fahrende Leute" zu empfehlen. Die Ausstattung aller drei Bände lässt, Dank der unermüdlichen Rührigkeit des Verlages, nichts zu wünschen übrig. Von dem „Handwerker" und den „fahrenden Leuten" scheiden wir mit dem aufrichtigen Bedanern, das uns schon früher „das Judentum in der deutschen Vergangenheit" (Bd. XI der Sammlung) arg verleidet hat. Solche selbst dem minder Eingeweihten offen-