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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1907-01-01 · 3 (1907) · p. Seite 78

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Folge. Dritter Jahrgang (1907)
Issue
3 (1907)
Date
1907-01-01
Page
Seite 78 (sequence 16)
Language
German
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— 78 — spärlichen Reste der Kunst- und geschichtlichen Denkmäler der Vorzeit zu sammeln, sowie die jüdische Volkskunde überhaupt zu kultivieren. So sehen wir „jüdische Museen" in Hamburg1), Wien und Frankfurt a. M. entstehen, deren segensreiches Wirken nicht ausbleiben und für die Zukunft bestimmend sein wird. Die schweizerischen Museen bergen herzlich wenig Jüdisches. In Basel selbst fand ich im historischen Museum nur eine Chanukkahlampe aus Zinn und mehrere jüdische Grabsteine. Dafür ist aber Basel reich an Judenschädeln, deren die anatomische Sammlung 12 zählt. Es ist die grösste an einem Orte vereinigte Kollektion, denn Judenschädel sind sehr selten. Sie stammen aus einem beim Bau des anatomischphysiologischen Instituts aufgedeckten jüdischen Gottesackers aus dem 13. und 14. Jahrhundert und sind von J. Kollmann beschrieben (Verh. der Naturforschenden Ges. in Basel, VII. Teil, 3. Heft, 1884). Charakteristisch für die damaligen Verhältnisse ist die Grösse oder richtiger die Kleinheit des Friedhofes, dessen Breite etwa 10 Meter bei doppelter Länge betragen haben soll. Im grossartigen Schweizerischen Landesmuseum in Zürich fand ich nur eine Hagadahschüssel und sonst nichts, was mit dem Judentum in irgend welche Beziehung gebracht werden konnte. Und dennoch waren die Juden im Leben des alten Schweizerlandes ohne Zweifel ein gewisser integrierender Faktor und nur die blinde Zerstörungswut des Fanatismus der Feinde war im stände, jegliche Spur ihres ehemaligen Daseins zu verwischen. Die Rache dafür war, dass der Jude B Ii och in Luzern das bekannte Friedensmuseum erbaute. Übrigens ist die Liberalität des braven Schweizervolkes nicht ganz ernst zu nehmen, denn das Schächtverbot ist doch im Grunde genominen nur eine böse Chikane gegen die Juden und nicht Ausfluss der reinen Humanität oder gar des selbstlosesten Wohlwollens den Juden gegenüber, um sie nämlich der schweizerischen Kultur voll teilhaftig werden zu lassen, wie es mir ein schweizerischer Jude klar machen wollte. Ein solcher Gedanke kann aber nur im Kopfe eines Hofjuden nach altem Schnitt entstehen. Der Schweizer selbst legt sich die Sache viel einfacher aus und zwar ebenfalls nach altem Muster, nämlich: der Jude wird verbrannt. Der Unterschied ist, dass man im Mittelalter den Juden wirklich verbrannte, jetzt dagegen räuchert man ihn allmählich, aber gründlich aus. Was ist humaner? — Eine Schulfrage des 20. Jahrhunderts. Von der Schweiz zur Weltausstellung nach Lüttich in weniger als 24 Stunden! So weit hat es schon das verflossene Jahrhundert gebracht, ob zum Segen, ist eine andere Frage. Uns Juden gereicht diese kolossale Transport - Geschwindigkeit vielleicht einstmals zum Fluche. Denn auch früher gejagt und vertrieben, wanderten wir nur von Land zu Land und blieben schliesslich doch in enger Gemeinschaft auf verhältnismässig kleinem Teile der Allwelt. Wer kann uns aber jetzt dafür bürgen, dass wir in den Juden Nord- und Süd-Amerikas, l) Der Plan dieses Museums war bereits 1896 vollständig entworfen (vgl. „Aufruf" und „Fragebogen" sowie jetzt Maretzki, Die deutsche Grossloge (TL 0. B. B.) Berl. 1907). Aus diesem Museum sowie der schon weit früher von Herrn Prof. Brinckmann im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe angelegten Sammlung jüd. Kultgegenstände (vgl. „Mitteil." II und XXIII) hätte der Herr Verfasser günstige Eindrücke gewinnen können. Dr. Gr.

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