Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Dritter Jahrgang (1907)
- Issue
- 3 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- 73 — dem einen Wein und dem andern Essig, es ist vier Meilen von hier, und der Treiber ist einer von euch, ein Heide." „He, du Ausgeburt der steifnaekigen Rasse, woher weisst du, dass das Kamel nur auf einem Auge sieht?" „Ganz leicht, ich sah dass auf der einen Seite des Weges das Gras abgefressen, auf der andern Seite aber unberührt war, weil das Tier es nicht sah." „Mag sein, aber die beiden Jungen, wie bist du auf die gekommen?" „Ich habe weiter hinten beobachtet, wie es geschlafen hatte, und da hatte es d'"e Spuren hinterlassen." „Und woraus hast du geschlossen, dass es mit zwei Schläuchen beladen war, von denen der eine Wein, der andere Essig enthielt?" — „Auch das ist nicht sehr schwer: die Weintropfen, die aus dem einen auf den Boden fielen, sog die Erde sofort auf, und von dem Essig blieb der Schaum auf der Erde zurück"1). „Gut, und die Entfernung, wie hast du die gemessen?" „Wenn -das Kamel läuft, dann, Herr, siehst du seine Fussspuren nur auf vier Meilen, niemals weiter." 9. Ein Athener, der sich ziemlich lange in Jerusalem aufgehalten hatte, machte sich einen Spass daraus, die Gesellschaft des Landes fortwährend zu verleumden. Das wurde in Jerusalem ruchbar und alle sprachen. „Wenn sich doch einer fände, der ihn uns zurückholte!" Da trat einer vor und sprach: „Ich werde ihn holen und zwar mit geschorenem Kopfe." Er ging also nach Athen, und jener bewirtete ihn. Am Morgen gingen sie aus, um spazieren zu gehen. Da platzt ihm eine Sandale, und sie gehen in eine Schusterwerkstatt. „Nimm drei Drachmen," sagt der Jude „und bring' sie mir in Ordnung." Am nächsten Tage gehen sie wieder aus, und es platzt ihm die andere Sandale. Er zieht also wieder drei Drachmen heraus und bittet seinen Freund, sie zum Schuster zu bringen und sie ausbessern zu lassen. Da sprach der Athener: „Es scheint, dass die Sandalen bei euch teuer sind?" „Jawohl," erwidert er, „sehr teuer." „Wieviel etwa zahlt ihr dafür?" „Neun bis zehn Drachmen, und wir bekommen sie niemals billiger als für acht und sieben Drachmen." „Wenn ich also in eure Stadt komme mit dieser Ware, werde ich sie verkaufen?" „Aber gewiss! Gib nur Acht, wenn du dort bist, dass du nicht in die Stadt kommst, ohne es mir vorher zu melden." Er zog also Gelder ein, kaufte Sandalen und vorwärts ging es nach Jerusalem. Bei seiner Ankunft macht er am Tore Halt und macht seinem Freunde Meldung. Der kam und sprach zu ihm: „Kennst du die neue Bestimmung? Ein Fremder mit ungeschorenem Kopf darf keine Waren in die Stadt zum Verkauf bringen." Jener denkt, dass es doch weiter nicht schlimm sein kann, sich seinen Kopf scheren zu lassen, wenn er nur seine Ware los wird. Wenn nur der Verstand da ist, die Haare kommen schon wieder, sogar mehr als nötig. ') Vergl. Sanh. 104. Unsere „Mitteil." II S. 32 u. 75. I). Beel.