Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Dritter Jahrgang (1907)
- Issue
- 3 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- 70 — natürlich deren Selbstbewußtsein stark verletzt haben und sie müssten darauf bedacht gewesen sein, ihren griechischen Kollegen eins auszuwischen, wo sie nur konnten, natürlich nur, wenn sie unter sich waren. So mochten denn in Jerusalem er Kaufmannskreisen allerlei Schnurren umlaufen, die in renommistischer Prahlsucht von Fällen erzählten, wo die jüdische Schlauheit die griechische immer noch um einen Grad übertraf. Solche Schnurren scheint man in Jerusalem etwa im 3. Jahrhundert d. übl. Zeitr. gesammelt und jenem Kommentar des Pentateuch einverleibt zu haben, der unter dem Namen „Midrasch" bekannt ist. Dieses Wort bedeutet „Nachforschung" und bezeichnet das Bestreben, womöglich zu jedem Wort der Schrift eine Erklärung zu flu den, die nicht immer ihrem natürlichen Sinne entsprach, sondern den philosophischen Ideen der Zeit oder auch Phantasievorstellungen. Es war eine Art Auslegungskunst, der der Gedanke zugrunde lag, dass alles, was nur der menschliche Geist erdenken könne, in dem Buchstaben der Schrift eine Stütze finde. Dieser Kommentar gehört zum grossen Teil derselben Zeit an wie der Talmud. Dass seine Verfasser direkte Fühlung mit dem Griechentum hatten, geht u. a. aus einer Stelle hervor, wo die berühmte Eennbabn in Konstantinopel mit ihren vier Parteien einfach in das Jerusalem König Salomos verlegt wird! Man wollte eben um jeden Preis den Eindruck erwecken, dass es nichts auf der Welt gebe, was nicht das Volk Gottes schon längst besessen hätte. Und so hat man auch jene Händleranekdoten in einen Teil des Midrasch eingeführt, um zu zeigen, dass das Volk von Jerusalem an Verstand alle Völker der Erde überträfe, sogar die Athener. Diese kleinen und höchst ergötztlichen Geschichten, die aramäisch geschrieben sind, hat nun' neuerdings ein Rabbiner griechischer Abstammung in London, Lazarus Beleli, ins Neugriechische übersetzt und einige davon in einer Athener Zeitschrift mitgeteilt. Wir geben die charakteristischsten davon in wörtlicher deutscher Uebersetzung wieder1). 1. Einer kam von Jerusalem nach Athen. Er trat in einen Laden voll von Leuten, die assen und tranken. Er setzte sich auch und erfrischte sich. Als er mit dem Wirt allein war, bat er ihn, er möchte ihn dort schlafen lassen. Der aber erwiderte ihm schlau: „Weisst du, wir haben eine Gewohnheit in diesem Lande, keinen Gast zu behalten, wenn er nicht zuerst drei Sprünge macht." „Gut, ich tue, was du x) Diese Erzählungen finden sich auch bei H. Hurwitz, Sagen der Hebräer S. 127 ff. und Jew. Encyclop. II 265, ferner zerstreut in Levi- Seligmann, Parabeln aus Talmud und Midrasch S. 366, Ehrmann aus Palästina und Babylon. S. 100 u. sonst. — Dr. Gr.