Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Dritter Jahrgang (1907)
- Issue
- 2 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Hier <lem Charakter der „Mitteilungen1' gemäss interessiert uns nur der volkskundliche Teil des Werkes, und an 'diesem habe ich hauptsächlich die Verniengung der Begriffe Keligion. Orthodoxie und Judentum auszusetzen. JS«*ltsarnerweise werden die Vorgänge im .Inden*um nicht nur von deu Christen, sondern auch von deu .luden selbst mit einem ganz anderen Masstabe gemessen, als e> sonst üblich ist. <Jesehicht liehe Tatsache i»t, dass Orthodoxie. Fanatismus und Wissenschaft sich nie und nirgends vertragen und dass mit d"tn Aufblühen der letzteren ein Verwelken der erstoren Hand in Hand geht, tu diesem »Sinne war Kant oder Darwin nicht minder Zerstörer des Christentums, als Spinoza Zerstörer des .Judentums und die Wirkung des geistesfreieu jüdischen Theologen Maimonides ist derjenigen des christlichen Mavid Strauss vergleichbar. Auch kämpft überall der orthodoxe Fanatismus mit den gleichen Waffen, denn wie Maimonides. so war auch Strauss verboten. Ks schien mir notwendig zu sein, auf dies»- allgemein bekannten Tatsachen hinzuweisen, da Ruppin die Macht der jüdischen Orthodoxie übertreibt und im Kampfe gegen -ie die eigentliche Tragik aller bisherigen jüdischen beschichte seit der Zerstreuung erblirkt fS. '2'^). Die Tragik der jüdischen beschichte liegt aber ganz anderswo, nämlich in der Zerstreuung -elbst oder, richtiger im Kehlen einer <elh>täudigen Staat sexist enz. Keligion und Nationalität, sind vielfach für den heutigen .luden unzertrennbare Begriffe, und der Jude, der mit seine,- Keligion bricht, muss aueh aus der nationalen Gemeinschaft austreten, her freireligiöse .lüde würde im jüdischen Staate doch als .lüde gelten, während er im christlichen Staate dem Judentum meist den Kücken kehrt. Selbst wenn ein Ketzer, wie Spinoza, im jüdischen Staate verbrannt werden würde, seine Asche kämt» doch auf den jüdischen Friedhof und nicht in die Kirche. Kiu abschleckendes Beispiel «lieser Art bietet in Oesterreich so manche!- Abtrünnige, der die armseligen Paar Kronen zum Tnlerhalt der religiösen Einrichtungen nicht beitragen will und nur deshalb austritt. Aehnliches führte bekanntlich auch den Vater I)i>raeli'< Tante. Solche Krscheinungen wären im jüdischen Staate vranz unmöglich, wie es jetzt für den Christen der Fall ist. Sogar bei vollkommener Trennung von Staat und Kirche wird der Franzose, der die Kirche nicht unterhalten will. Franzose bleiben, während der .lüde, der sich von der Synagoge lossagt, nicht Jude bleiben, sondern Franzose werden wird. Für mich persönlich wt is deshalb k!at. dasdas Judentum nur auf eigenem Boden /u reifer, fruchtbringender Kntwickelung gelangen kann. Im (lolus muss aber unsere Devise lauten: solange Kirchen gebaut, müssen auch Synagogen ge* taut, und solange Kinder getauft, müssen auch Kinder neschuilton werden. Kine andere Frage is< es. warum die gebildeten Juden dem Judentum ><• leicht den Kücken kehren. Auch hier kann ich Kuppin nicht beistimmen, der der Meinung i<t. da.-« schon die blosse Berührung mit. der europäischen Kultur ziii-Zersetzung und zum Zusammenbruch nicht nur der jüdi^i htm Orthodoxie, sondern des Judentums seihst führe. Bio Bolle, die 1 uppin. hauptsächlich mit Bezug auf die Verhältnisse im Osten, der Sprache, dem Unterricht in den allgemeinen Schulen und sogar der Kleidung zuschreibt, ist sehr übertrieben. Haben «loch die .luden alles dies im Laufe ihrer Geschichte mindestens ein Nutzend mal gewechselt und nichtsdestoweniger sind sie Juden geblieben. Nicht die Berührung mit der Kultur au und für sich führt zur Zersetzung des Judentums, sondern die Blendung durch dieselbe. Der Jude, dem die Sonue der europäischen Kultur zuerst aufgeht, wird durch die Macht derselben berauscht und zur Geringschätzung des eigenen Kultiubestandes verleitet. Letztere führt zur Vernachlässigung der Krziehuug. und so. vom festen Boden entgleist, werden die religiösen, nationalen und ethischen Bande zerrissen. Dem so ohne jede Anhänglichkeit an seinen Stamm erzogenen Juden ist es dann ganz gleichgültig, ob er eine Christin oder Jüdin heiratet, ob seine Kinder Christen werden oder Juden bleiben, und nicht selten wird «lieser Jude selbst zum ärgsten Judenfeind, und zwar mit Recht, denn die schlechte Krziehnng raubt ihm die