Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Dritter Jahrgang (1907)
- Issue
- 2 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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die städtische Gemeinde zur Aufnahme von Darlehen genötigt sah, und die Verschuldung schliesslich so weit stieg, dass die (i Hin biger r als welche Dutzende von geistlichen Korporationen und Klöstern aufgezählt werden, sich im Jahre 1770 zu einer Herabsetzung der Zinsen verstehen niussteu. Der dritte Teil hat die Krwerbsverhältnisso der .luden zum Gegenstände: Leihgeschäfto auf Wechsel, Faustpfänder oder Hypotheken, Pachtung von Zöllen, Mauthen oder indirekten Steuern. Gegen Hude des Ii). Jahrhunderts hatte der Warenhaudcl Lembergs dank seiner Lage als Knotenpunkt der »Strassen, auf denen sieh-der Handel des Ostens mit dem Westen bewegte, wieder einen bedeutenden Aufschwung genommen. Um diesen Handel wogt durch den ganzen Zeitraum ein hartnackiger Kampf mit der privilegierten polnischen und armenischen Kaufmanuschaft, die, die unbequeme jüdische Konkurrenz zurückzudrängen "sucht, in dem aber die Juden schrittweise an Hoden gewinnen. Noch grösseren Widerstand setzen «lie bürgerlichen Zünfte ihren Bemühungen entgegen. Handwerke betreiben zu dürfen. Die aufsteigende Entwicklung der bombergor Gemeinden erreicht ihren Höhepunkt im Jahre 1K48. in diesem Jährt» tritt der jähe Verfall Lembergs ein. Die Zerrüttung des ganzen Staatswesens, die Kosakenaufstände, die Verheerung des Landes, die wiederholten Heiagerungen untergraben den Wohlstand der Stadt, vernichten den Handel mit dem Osten und damit die Erwerbsquellen der Juden, die durch Brandunglück und blutige Verfolgungen noch besonders heimgesucht werden. Mit dem materiellen verlieren die Lemberger Gemeinden auch das geistige l-eherg« wicht, «lie kleinen Provinzgemeinden entwinden sich der Bevormundung und machen sich selbständig. ("eher das religiöse und häusliche liehen jener Zeit konnte der Verfasser au* den Akten naturgemüss am wenigsten Ausschluss gewinnen, er musste daher seiner Schilderung im wesentlicher» das lieben der noch an den alten Bräuchen hängenden Judetischaff der späteren Zeit zugrunde legen, soweit (lies nicht durch das Aufkommen des Uhassidismus. das Aufhören der rechtlichen Sonderstellung und das Kingreifen der staatlichen Gewalt in die Lebensverhältnisse iles einzelnen he«MntlusrSt war. Die schwierige und mühselige Aufgabe, durch muMvische Zusammensetzung zahlloser kleineu in den Akten verstreuten Kiuzelzüge ein möglichst lückenloses und anschauliches Bild zu gestaltet . hat der Verfasser .mit Glück gelöst. Zahlreiche Plane. Ansichten und Trachtenbilder dienen zur Erläuterung des Textes. Von den letzteren können wir dank dem Entgegenkommen des Herrn Verfasser;', einig«» Proben mitteilen. I>ie dargestellten Trachten waren in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts noch allgemein gebräuchlich. Einer etwas älteren Zeit scheint der Fig. f> dargestellte Mann in hochgeschürzter Hektsehe anzugehören, der Gastgeschenke trägt, wie man sie Familienmitgliedern zu schicken pflegte, die einen Gast zu bewirten h'itten. Fig. t> stellt nicht, wie der Verfasser annimmt, einen Schulklopfer dar (der ja als Schämen ein gesetzter Ehemann sein musste), sondern einen Jungen, der zwei Metallstücke aneinander schlagend zum Besuche des öffentlichen Bades ruft, wie dies um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in kleineren galizischon Städtou noch zu hören war. Fig. 1 und 2 sind nach Zeichnungen des Malers Kos<«ak. die übrigen nach älteren Zeichnungen der Pawlikowskisehen Bibliothek in Lemberg gefertigt. A. L. Dr. Arthur Kuppin, Die Juden der Gegenwart. Eine sozialwissenschaftlicho Studie. Berlin, S. Calvary A: Co. PJ04 VI und 296 S. 8°. 4,80 Mk. Hin schönes Buch, das man nicht gern aus der Hand legt, bis man es zu Ende gelesen hat. Viel Fleiss und Scharfsinn steckt darin, aber auch viel Paradoxes und deu Tatsachen nicht Entsprechendes, was vielleicht davon herrührt, dass der Verfasser die östlichen Juden nur vom Hörensagen und nicht aus eigener Erfahrung kennt. Auch möchte ich nicht alle geschichtlichen Deduktionen des Verfassers unterschreiben.