Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1907-01-01 · 2 (1907) · p. Seite 36

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Folge. Dritter Jahrgang (1907)
Issue
2 (1907)
Date
1907-01-01
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2638044-2638053-2638055--0397-2638588
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

heiten <z. H. Cholera) hatte eine grosse Sterblichkeit zur Folge. Hirse Ursachen erklären die schwache Vermehrung und sogar eine Verminderung der Zald der grusischen Juden. Unter den Dorljuden gibt es nicht wenige Ackerbauer und Handwerker, aber die 1 lauptbeschäftigung ist doch der Handel. In allen Teilen Grusiens begegnet man dem wandernden jüdischen Händler. Man sieht ihn immer in demselben Milien: entweder sit/.t er. kaum sichtbar zwischen den auf das Pferd geladenen Warenballen, wobei er mit dein Tritte des Pferdes gleichmässig den Kopf schüttelt: oderer folgt langsam zu Fuss seinein schwer beladenen Pferde, das kaum auf dem schmalen Bergpfade vorwärts kommt. Zwar ist er in einem grusischen Anzüge, aber die ganze Gestalt ist semitisch: traditionelle Seitenlocken, blasses länglich 's Gesicht, gebogene dünne Nase, fest zusammengedrückte Lipj cn, dunkle melancholische Augeu. Der wandernde Jude aus ,Suram, Zehinwalv, Satschcher: und Oni gebürtig, erinnert wenig au die Juden, die in den Städten wohnen. Der städtische Jude ist Sanguiniker, der wandernde ist Phlegmatiker. Der erste ist flink, schnell, geschwätzig, immer beschäftigt, während der zweite schweigsam und schwerfällig ist, sich langsam bewegt und sogar nicht sogleich die an ihn gerichteten Fragen beantwortet. Dessen ungeachtet ist er ein ewiger Wanderer. Das ganze Jahr fährt er mit seinen Waren herum und nur drei- bis viermal im Jahre kehrt er zu seiner Famiii" zurück. Sein Handel ist unbedeutend. Seine ganze Ware beträgt höchstens HOO -400 Pubel. In einem Orte verkauft er eine Fadenrolle, ein Päckchen mit Nadeln, einen Fingerhut oder eine Schere; in dem zweiten < >rto tun Spiegelchen, ein Stück Posament, ein Stück Tuch für einen Anzug oder einen Pclzhut (Papächa): in einem dritten einige Meter Zitz |haun> "Ihmes Zeug» für ein Kleid oder buehnrisches Gewebe für ein lh er verkauft auch weisse und rote Schminke, billige Uinge mit tt; 'inen usw. In manchem Dorie wird ihm überhaupt Juchts abgekauri, aber dessenungeachtet legt er ruhig «»ine War«» zur Sehau aus, nicht selten 10 bis 15mal nacheinander, um sie dann wieder zusammenzulegen. Kr jagt nicht nach grossem Gewinn und begnügt sieh gewöhnlieh mit 10 bis 15%. Seine Ausgaben sind indessen ziemlich bedeutend. Die Familie muss ernährt und die Handeissteuern müssen bezahlt werden. Der (irosskaufmaun. bei dem die Ware in Kredit genommen wurde, sowie der Gutsbesitzer, auf dessen Grund und Hoden der Jude wohnt, müssen befriedigt werden. Auch muss der Rabbiner, der von Zeit zu Zeit die Gemeinden bereist, sowie der Dorfälteste für den Pass und der Gemeindesehreiber . . . für den Schutz seiner Familie belohnt werden. Fnd wenn in der Umgebung Päuber umherstreichen, muss er auch diesem Geschenke

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.