Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 4 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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— 154 — Tischchen zu tanzen, wobei die Frauen die Luft mit ihrem charakteristischen Tremolo erfüllen. Die persischen Juden beerdigen ihre Toten binnen 3—4 Stunden nach dem Eintritt des Todes, natürlich ohne Sarg. Das Leichengewand wird an Ort und Stelle genäht, woran jeder Anteil zu nehmen sucht. Die Bahre, auf der die Leiche getragen wird, ist höchst primitiv gezimmert. Man besucht den Friedhof an denselben Tagen wie bei den westlichen Juden, d. h. hauptsächlich am 9. Ab und im Monate Elul, und zwar gewöhnlich am frühen Morgen. Wenn sich eine genügende Zahl von Männern versammelt hat, liest man „Selichot" meist persisch, wobei man sich neben der Pforte, die zum Friedhofe führt, aber ausserhalb desselben, auf die Erde setzt. Fläschchen mit Rosenwasser und Aepfel gehen dabei von Hand zu Hand, um einen Segenspruch sprechen zu können. Während des Totengebetes begiesst man das Grab mit Eosenwasser und legt an die Ecken und in die Mitte je einen Apfel. Beim Verlassen des Friedhofes werden auf das Grab ein Grashalm und ein Steinchen, die zuerst geküsst werden, niedergelegt. Bücherschau von Dr. S. Weissenberg, Elisabethgrad. Oberkantor P* Minkowsky. Die Entwickelung der synagogalen Liturgie bis nach der Reformation des 19. Jahrhunderts. Odessa, 1902. Klein 8°. 65 S. 1 Mk. Der gelehrte Oberkantor der Brodyer Gemeinde zu Odessa hat in diesem Büchlein einen vortrefflichen orientierenden Ueberblick über die Entwickelung der synagogalen Liturgie gegeben. In den ersten Kapiteln streift der Verfasser kurz die Frage vom Ursprünge der geistlichen Musik, schildert die Entwickelung der Liturgie im Christentum und den Einfluss der Reformation auf dieselbe. Viel ausführlicher bespricht er die drei reformatorischen Ordnungen der synagogalen Liturgie: die talmudische, die gaonische und die Ordnung der Buchdrucker. Ein Vergleich jener mit der letzten des Endes des 18. Jahrhunderts lässt ihn diese eher als Invasion denn als Reformation bezeichnen. Angenehm berührt der warme nationale Hauch, der das Büchlein durchweht, mag man auch mit dem Endergebnis des Verfassers nicht ganz einverstanden sein. Er sagt nämlich: „Man braucht gar kein Pessimist zu sein, um der synagogalen Musik im Westen den totalen Verfall prophezeien zu können, wenn nicht eine andere Reform, im Geiste der Religion und Tradition, auf orientalischem Boden unternommen wird." Andererseits sind aber folgende Worte höchst begrüssenswert: „Jetzt aber, am Anfange des 20. Jahrhunderts, da die Verblendung der Schein Zivilisation schon lange vorüber ist, die Fabel von den drei Ringen bloss Fabel geblieben ist und ein nüchterner Geist im gesamten Leben Israels sich rege macht, ist es auch unsere Pflicht, eine universelle Liturgie, auf religiösen und nationalen Prinzipien aufgebaut, für die Synagoge zu schaffen/' Mehr die musikalische Liturgie behandelt eine andere Arbeit desselben