Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 4 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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— 153 — richtet. Sogar am Abende des Jorn-Kippur tragen nicht alle zum Gebete den Talith. Einige rituelle Gebräuche der persischen Juden fallen mit denjenigen der westlichen Juden zusammen, was als Beweis der Altertümlichkeit der Gebräuche und ihres Ursprungs aus dem gemeinsamen Vaterlande dienen kann. So z. B. das Wippen auf den Zehen bei der „Keduschah" und die Art der Verbeugungen während des „Achtzehn-Gebetes", indem zuerst die Knie gebeugt werden. Im Orient, wo alles beständig eine Kopfbedeckung trägt, wird es klar, dass diese Sitte weniger aus religiösen Anschauungen als aus Anstandsregeln („Dereeh-Erez") entsprungen ist. Wenn man im Orient die Kopfbedeckung in jemandes Anwesenheit abnimmt, so beleidigt man ihn, und das hat wahrscheinlich die Sitte hervorgerufen, den Gottesdienst mit bedecktem Haupte zu verrichten. Die Zubereitung des Geflügels könnte einer frommen Jüdin Entsetzen einflössen. Der Kopf wird nicht abgeteilt, die durch den Hals gehende Ader wird nicht ausgeschnitten u. dergl. Ausser dem bei den europäischen Juden üblichen Geflügel geniesst man noch Sperlinge und Rebhühner. Am Rosch-Haschanah wird das „Taschlich"-Gebet nicht nur an fliessendem Wasser, sondern auch an Wasserbehältern verrichtet. Am Jom-Kippur sind alle weiss gekleidet, dicke Wachslichter werden vierundzwanzig Stunden lang gebrannt. Das Schlagen an die Brust bei dem Lesen des Bussgebetes „Al-Chet" wird selten geübt. Ueberhaupt schlagen sich die persischen Juden bei dem Lesen rührender Stellen mit der Handfläche eher an die Stirn, als an die Brust. In den Tagen von Jom-Kippur und Rosch-Haschanah wird ein besonderes Gebet um „Parnassah" verrichtet. Der Ueberreste des Wachslichtes, das während des ganzen Jom-Kippur gebrannt hat, suchen sich die Knaben gern zu bemächtigen. Aus diesen Resten bereitet man Lichter für die „Hawdalah", besonders aber kleine Kerzchen, die man an einer Stange befestigt während der Prozession an Simchat-Thora angezündet herumträgt. Am Sukkothfeste ist die Verzierung der Laubhütte mit verschiedenen Früchten obligatorisch. Die Laubhütte stellt gewöhnlich ein Zelt vor, das manchmal reich mit Teppichen behängt und mit Zweigen bedeckt ist. Festliche Aufzüge mit Thorarollen, von Tänzen, Lärm und Gesang begleitet, werden nicht nur am Abende des Simchat-Thora, sondern auch am folgenden Abende oder am nächsten Sabbatausgange abgehalten. Nicht selten zwingt man dabei Greise auf kleinen, von der Menge in die Höhe gehaltenen Mitteilungen zur jüd. Volkskunde. Heft XX. Jahrg. 1906. Heft 4. 3