Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 4 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2638044-2638048-2638052--0343-2638534- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 150 — ist der Gebrauch der persischen Sprache. Fast regelmässig wird nach dem Vorlesen der „Haftorah" eine persische Uebersetzung derselben laut vorgetragen, ebenso am Rosch-Hasehanah, Jörn- Kippur und an den Fasttagen die Uebersetzung der „Pijutim", „Selichot" u. dergl. Die Uebersetzungen werden entweder nach handschriftlichen Sammlungen gelesen oder an Ort und Stelle nach dem hebräischen Texte improvisiert, worin manche sehr geschickt sind. Diese Sitte hat schon oft Konflikte mit den Persern verursacht, da muhammedanische Mollahs, Achunden (Theologieschüler), Seiden u. dergl. an Feier- und Fasttagen in die Höfe der Synagogen zu kommen pflegen, um neugierig zu beobachten, was im Innern vorgeht, und natürlich besonders aufmerksam zuhören, wenn in persischer Sprache vorgelesen wird. Ein schlecht übersetztes, missverstandenes oder falsch gedeutetes Wort ist oft, besonders in früheren Zeiten, die Veranlassung schwerer Anklagen und Angriffe des fanatisierten Pöbels gegen die Juden gewesen. Am feierlichsten ist der Gottesdienst am Schewuothfeste, weil in diesem Tage gewöhnlich der Synagoge verschiedene Spenden, silberne Verzierungen, Thoravorhänge u. dergl. dargebracht werden. Der Fussboden der Synagoge, der Tisch und die Thora selbst werden an diesem Tage mit Rosenblättern bestreut, und der Opfernde verteilt Zuckerwerk unter die Anwesenden. An diesen Tagen lesen die Knaben im Alter von 9—11 Jahren zum ersten Male die Thora vor, natürlich unter Leitung und Aufsicht ihres Lehrers. In der Synagoge, wo ein solches Fest stattfinden soll, beginnt der Gottesdienst etwas später, so dass zur Zeit des Thoralesens eine Menge aus den anderen Synagogen zusammenströmt, besonders Frauen und Kinder, die nicht nur die Synagoge, sondern auch ihren Hof füllen. Sobald die Thora auf die „Sidah6' gebracht und geöffnet ist, beginnt noch vor dem Vorlesen der Vortrag der Psalmen (LXV und andere) und „Seniiroth", derselben, die bei Trauungen gesungen werden, denn der Knabe wird als „Chathan Thora" betrachtet. Sein Vater verteilt während des Singens Zuckerwerk, mit dem auch die Thora beworfen wird. Am Sabbat der Woche, in der der Knabe 13 Jahre alt wird, wird er zum Lesen der „Haftorah" aufgerufen. Predigten sind wenig üblich. Die heimischen Geistlichen sprechen selten und nicht lange, viel öfter tun es die zugereisten Chachams, von denen die Palästinischen Rabbiner manchmal hebräisch sprechen. Häufiger sind die Predigten während der sogenannten Jeschiwa, d. h. Versammlungen in einem Privathause, wenn die Nacht des Hoschanah-Rabba durchwacht wird, am ersten Pfingsttage und beim Lesen der „Selichot". Im allgemeinen unterscheidet sich die Predigt nicht von der „Deraschah" der westlichen Juden, nur besteht sie mehr aus Gleichnissen (Maschal), als aus talmudistischem „Pilpul".