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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1906-01-01 · 4 (1906) · p. Seite 149

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
Issue
4 (1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 149 (sequence 29)
Language
German
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— 149 — Einer zeigt dabei auf die Stelle, wo das Lesen an diesem Tage anfangen soll, und alle auf dieser Seite Stehenden nähern sich, heben die rechte Hand so in die Höhe, dass sie die Thora berühren kann, und sagen dabei den üblichen Segenspruch. Die Ruhe in der Synagoge lässt viel zu wünschen übrig. Nicht selten wird der Gottesdienst durch Zank und Lärm unterbrochen. Alle, sogar 8— 9jährige Knaben, tragen während des Gottesdienstes einen Tallith, der hier gewöhnlich „Sissith" genannt wird. Die sogenannten „Arba-Kanfos" tragen nur wenige. Die Talethim sind nicht gross und reichen, da sie über den Kopf gezogen werden, dem Betenden nur bis zum Gürtel. Auf die Stelle, die auf die Stirne zu liegen kommt, ist ein runder oder ovaler roter Fleck mit der Aufschrift niP angenäht. Wie die der westlichen Juden sind sie aus weisser Wolle mit schwarzen Streifen. Nicht selten sind jedoch die Streifen hell- oder dunkelblau. Das Gebetritual der persischen Juden ist dem der Sephardim der Mittelmeergegenden ähnlich und umfasst die ganze mittelalterliche synagogale Poesie der spanischen und italienischen Juden. Das beweist, dass sie Jahrtausende hindurch, wahrscheinlich durch Vermittlung von Palästina, die Verbindung mit ihren westlichen Brüdern unterhielten, da sie nicht nur die „Pijutim" und „Selichot" angenommen haben, sondern auch das nach deren Abfassung erschienene Werk „Schulchan-Aruch". Die synagogale Poesie der deutschen und der polnischen Juden ist ihnen völlig unbekannt. Es fehlen bei ihnen die Gebete, die das religiöse Gefühl am tiefsten bewegen, wie das Gebet „Jiskor",?jpn njDj\ und andere. Vorbeter von Profession kennt man nicht. Gewöhnlich betet ein Gemeindemitglied oder ein „Moliah" vor. Hierzu laden an Sabbat- und Feiertagen vor dem Anfange des Gottesdienstes die einflussreicheren Gemeindemitglieder einer den anderen ein. Die Psalmen des Morgengebetes werden der Reihe nach von mehreren Personen, meist von jungen Leuten und Knaben, vorgelesen. Im allgemeinen unterscheidet sich der Gottesdienst derart von dem in den Synagogen der Aschkenasim üblichen, dass ein Andersgläubiger meinen könnte, dass es sich um Gottesdienste verschiedener Konfessionen handle. Die Gebete werden in einem eintönigen, näselnden Eezitativ vorgetragen. Das Vorlesen der Thora erinnert, obgleich es nach „Taamim" geschieht, doch an das Rezitieren der Gebete. Die „Selichot" werden noch eintöniger und mit trauriger Stimme vorgetragen, so dass sie an die Vorträge der Schiiten zum Andenken der Leiden Husseins and Hassans im Monate Mocharem erinnern. An grossen Feiertagen wird der Gesang des Vorbeters von drei oder vier Gehilfen begleitet. Charakteristisch für den Gottesdienst der persischen Juden

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