Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 4 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 147 — tür in der Seitenwand am nächsten ist. Dieser Platz gehört dem Rabbiner, dem Moliah, dem Sehochet, überhaupt dem vornehmsten Gemeindemitgliede* Diesen Personen wird eine besondere Ehre erwiesen. Bei ihrem Erscheinen stehen alle von den Sitzplätzen auf u. dergl. Die Vorhänge, die die Nischen für die Thora verdecken, sind mit hebräischen Aufschriften aus freier Hand beschrieben. Am häufigsten trifft man Auszüge aus den zehn Geboten oder Bruchstücke aus den Gebeten, seltener Zeichnungen, die den Tempel in Form eines viereckigen Ziegelgebäudes aus dunkelroten Ziegeln mit hoher Kuppel oder seine Westwand, Raheis Grab u. dergl. darstellen. In einigen Synagogen zieht sich eine breite Papierkante mit Auszügen aus Gebeten in grosser Quadratschrift in zwei Zeilen geschrieben unter der Decke um die Wände. Keine Synagoge hat feststehende Einkünfte. Für die Plätze wird nichts bezahlt, und die einzigen Einnahmen sind die Spenden bei dem Lesen der Thora, bei Familienfesten u. dergl. Die Spenden sind meistens sehr klein und bestehen in Oel, einer geringen Zahl von Lichtern oder in Geld. Dementsprechend sind auch die Ausgaben gering: 3—4 Kran monatlich dem „Sehames" (gewöhnlich ein Alter, der von seinen Kindern erhalten wird oder irgend ein Kleinhändler) für die Reinhaltung, ebensoviel für die Beleuchtung im Winter, denn im Sommer wird der Abendgottesdienst der unerträglichen Hitze wegen im Hofe bei nur einem Lichte oder auf dem Dache abgehalten. Jede Synagoge verteilt unter die Armen so viel Almosen, als sie vermag, beteiligt sich an den Gaben, die im Namen der Gemeinde den aus dem Heiligen Lande kommenden Rabbinern gereicht werden, und hat noch ausserdem ihr eigenes Gebäude im Stande zu halten. Wie bei allen Juden ist die Thorarolle das Heiligtum des Tempels. Die Thora ist auf Pergament geschrieben und unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht von der bei den westlichen Juden gebräuchlichen, desto verschiedener ist aber ihr äusseres Aussehen. Die Rollen befinden sich in Holzbehältern von zylindrischer oder achteckiger Form. Diese Behälter bestehen aus zwei Teilen; an jedem ist eine von den Stangen, auf die das Pergament aufgewickelt ist, befestigt. Beim Auseinanderklappen kommt die zu lesende Spalte ganz horizontal in ihrer ganzen Breite auf der Oeffaung der beiden Hälften zu liegen. Die Behälter sind mit Zeichnungen und Ornamenten verziert und lackiert, manchmal sind sie mit reicher sogenannter Sehirasser Arbeit, d. h. mit feiner Mosaik aus eingelegtem Bein oder Metall bedeckt. Manchmal sind sie in einen Ueberzug aus Seide oder anderen Stoffen gehüllt. Der Ueberzug ist vorn aufgeschlitzt, um das Oeffnen zu ermöglichen. Bei geschlossenem Behälter wird er mit Bändchen zu-