Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 4 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 146 — Ueberhaupt spielt die Kunst des Schreibers im Leben der persischen Juden eine grosse Rolle, denn es existiert in Persien keine einzige jüdische Druckerei. Bücher müssen, bis sie nach Persien kommen, einen langen Weg zurücklegen, weshalb sie verhältnismässig teuer sind. Die Sitte, die Gebete auswendig zu lernen, wird dadurch erklärt, dass die Gebetbücher, besonders in früheren Zeiten, teuer waren. Unter den älteren Leuten findet man keinen, der die Alltags- und Sabbatgebete nicht auswendig kennt.. In Teheran gibt es etwa 20 Synagogen, die häufig zu zwei oder drei in demselben Hofe sich befinden. Die Synagoge besteht meistens aus einem viereckigen, ziemlich hohen Zimmer. Die Nord- oder die Südseite hat eine Reihe schmaler Türen, die sich direkt in den Hof öffnen und die meistens, wie in allen persischen Bauten, die Fenster ersetzen. Die Mitte der Decke wird durch vier Säulen gestützt, die auf den Ecken einer gemauerten viereckigen Erhöhung ruhen, die oft von einem niedrigen Geländer umgeben ist. Auf dieser Erhöhung, Sidah genannt, befindet sich ein schmales, hohes Tischchen, an dem der Chasan die Gebete verrichtet und die Thora vorliest. Die Synagogen sind nicht wie in Europa gegen Osten, sondern gegen Westen (Jerusalem) gerichtet. In einer Nische, die sich in der Westwand befindet, steht die Thorarolle hinter einfachen Calico-, selten seidenen Vorhängen. Schränke für die Thorarollen (Aron Kodesch) sind ihnen völlig unbekannt. Der Boden ist mit Teppichen belegt. Es gibt kein besonderes Lokal für Frauen. Gewöhnlich befinden sie sich im Hofe, und wenn viele Frauen erwartet werden, wird für sie ein besonderer Raum durch Calico vorhänge abgetrennt. Bei schlechtem Wetter sitzen die Frauen in einer Galerie, die gewöhnlich auf der Ostseite über dem Eingange aufgebaut ist und von der Synagoge selbst durch ein Gitter aus Mauerwerk oder eine Holzbalustrade abgeteilt ist. Die Frauen nehmen keinen regen Anteil am Gottesdienst, dem sie nur beiwohnen, ohne zu beten. Man sitzt in der Synagoge auf dem Boden nach allen Richtungen gewendet: an allen vier Wänden und mit dem Rücken gegen dieselben gekehrt, um die Erhöhung, auch mit dem Rücken gegen dieselbe, folglich mit dem Antlitze gegen die Wände, und zwischen diesen beiden Reihen, in den Durchgängen. Nur in der grössten Synagoge von Teheran befinden sich an den Wänden Bänke aus Backsteinen, so dass eine Reihe der Betenden auf denselben sitzt. Natürlich wird die Fussbekleidung am Eingange zurückgelassen. Vor den geehrten oder reichen Gemeindemitgliedern, die an der Westwand oder unweit derselben sitzen, stehen niedrige, schmale Tische, in denen Gebetbücher aufbewahrt werden. Als Ehrenplatz gilt diejenige Ecke der Westwand, der die Fenster-