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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1906-01-01 · 4 (1906) · p. Seite 143

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
Issue
4 (1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 143 (sequence 23)
Language
German
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— 143 — letzteren weigerten sich nicht nur, aus einem Gefässe mit den Juden zu trinken, sondern auch neben ihnen zu sitzen. Jetzt findet man in dieser Schule nur 2—3 jüdische Jünglinge, die Medizin studieren. Die Bedeutung der muhammedanischen Geistlichkeit und ihr Einfluss auf das Volk, die während der Regierung Nassreddins etwas abgenommen hatten, haben gegen das Ende seiner Regierung, besonders nach dem Volksaufstande, wieder zuzunehmen begonnen. Die Geistlichkeit forderte von den Juden wieder die Erfüllung demütigender Vorschriften, die sie in der letzten Zeit nicht so streng befolgt hatten. So durften die Juden bei regnerischem Wetter ihr Viertel nicht verlassen, sie mussten unbedingt den Kopf rasieren und, was die Hauptsache war, auf dem Kleide ein besonderes Zeichen tragen. Dieses Zeichen bestand in ganz Persien aus einem runden roten Fleck, den sie auf dem Oberkleide in der Höhe der Brust zu tragen verpflichtet waren. Nach vielen Bemühungen gelang es den Juden endlich, dieses Zeichen zwar nicht völlig zu beseitigen, aber es durch ein weniger augenfälliges, nämlich durch eine silberne Schnalle mit einer arabischen Inschrift, heni Israel, zu ersetzen, was schon einen grossen Fortschritt bedeutete. Die wenigen Wagehälse, die es versuchten, auch dieses Zeichen nicht zu tragen, waren vielen Unannehmlichkeiten ausgesetzt. Sobald jemand, sogar im Viertel selbst, einen Juden ohne Zeichen bemerkte, wurde dieser geschlagen, arretiert u. dergl. Der erste Direktor der Alliance-Schule veranlasste nach seiner Ankunft in Teheran seine Schüler, das Zeichen nicht zu tragen. Das rief den Zorn der muhammedanischen Geistlichkeit hervor. Die Regierung forderte daher, dass die Schüler gleich den anderen Juden das Zeichen tragen sollten. Der Direktor hatte aber Energie genug, um die Sache bis zum gewünschten Ende zu führen, so dass jetzt nicht nur die Schüler, sondern alle Juden das Zeichen nicht mehr tragen. Trotz des Fehlens dieses Unterscheidungszeichens werden die Juden doch auf Schritt und Tritt meist ohne jede Veranlassung ihrerseits von den Persern beleidigt, was eine so gewöhnliche Erscheinung ist, dass sie sich den Anschein geben, unbedeutendere Beleidigungen, wie einen Steinwurf, einen Stoss, einen Hieb u. dergl. seitens der Vorübergehenden nicht zu bemerken. Um die Entweihung oder sogar die Schändung einer Leiche zu vermeiden, werden die Leichen fast im Laufe durch die Stadt getragen. Das Streben der Juden, immer im Schatten zu bleiben und nicht aufzufallen, zwingt sie, sich ein ärmeres und mitleidswerteres Aussehen zu geben, als es der Wirklichkeit entsprechen würde, weshalb sie in ein anderes Extrem, das der Nachlässigkeit, verfallen, die sie in den Augen der eleganten Perser erniedrigt.

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