Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 4 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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- 140 — im Heiligen Lande gleichgeaehtet, und die wohlhabenden Juden aus der Umgegend trachten deshalb in Demawend beerdigt zu werden. Der Glaube an Träume und an ihren Einfluss ist auch unter den persischen Juden sehr verbreitet. Wenn z. B. jemand von Tod oder Krankheit eines Verwandten träumt, so lässt er Psalmen rezitieren, mietet einen Mollah, damit dieser die ganze Nacht Mischna lese u. dergl., alles, um die Wirkungen des bösen Traumes abzuwehren. Die Juden glauben auch wie die Perser an Wahrsagungen und Prophezeiungen. Gewöhnlich wahrsagt man mit Hilfe der Bibel, indem man sie aufs Geratewohl aufschlägt und die betreffende Stelle in Beziehung zur aufgeworfenen Frage zu deuten sucht. Noch häufiger bedient man sich zum Wahrsagen kupferner Würfel mit eingravierten Zeichen oder der Bücher Guralut und Tekufa. Nicht selten wenden sich die Muhammedaner, besonders die Frauen, an die jüdischen Wahrsager und umgekehrt. Bemerkenswert ist es, dass man sich bei der Wahrsagung und bei dem Schreiben der Amulette nach den Namen des Betreffenden und seiner Mutter erkundigt. Die Sittlichkeit der Teheraner Juden steht auf ziemlich hoher Stufe. Fälle von Ehebruch durch den Mann oder gar durch die Frau sind völlig unerhört, und sogar ledige Männer sündigen selten gegen das Keuschheitsgebot. Uebrigens ist dies weniger der Festigkeit der religiösen oder sittlichen Grundsätze zuzuschreiben als dem Umstände, dass jeder Verkehr mit einer Muhammedanerin, auch wenn sie ein feiles Frauenzimmer ist, als Verbrechen gilt, von dem man sich im günstigsten Falle nur durch eine grosse Geldsumme loskaufen kann. Vor gar nicht langer Zeit wurde ein solches Verbrechen noch mit dem Tode bestraft. Die Sittlichkeit der jüdischen Frauen und Mädchen ist über allen Verdacht erhaben. Opiumraucher gibt es unter den Teheraner Juden nicht, dafür hat aber eine andere Leidenschaft, das Hazardspiel, viele Anhänger auch im jüdischen Viertel. Man spielt vorzugsweise Karten, wobei nicht selten bedeutende Summen verloren werden. Die Teheraner Juden haben von der Aussenwelt sowie von den Lebensäusserungen des Judentums fast gar keine Kenntnis. Niemand von ihnen hält Zeitungen, und die Nachrichten, die zu ihnen dringen, sind so entstellt, dass sie die Gestalt von Legenden annehmen. Sehr oft verbreiten sich Gerüchte, dass nach einem aus Jerusalem angekommenen Briefe der Messias in kurzer. Frist erscheinen werde. Ueberhaupt ist ihnen die Geschichte der Juden nach der Tempelzerstörung völlig unbekannt; so haben sie keine Ahnung von der zionistischen Bewegung und von der Bildung