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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1906-01-01 · 4 (1906) · p. Seite 135

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
Issue
4 (1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 135 (sequence 15)
Language
German
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— 135 — Vor dem Verlassen des Elternhauses bekommt die junge Frau-von ihrer Mutter einen Spiegel mit dem Wunsche, sie möge ihr Gesicht immer in demselben Zustande sehen, wie es sich jetzt darin spiegle. Nachdem die Eltern die Tochter in das Haus des Bräutigams begleitet haben, schenken sie ihm ausser dem in der Ketuhah versprochenen noch einen Anzug, den er sogleich anzieht, wobei ihm die Ehrengäste den Gürtel, den Oberkaftan und die Mütze anlegen helfen. Nach der Hochzeit besucht die junge Frau eine Zeit, mindestens ein Jahr lang, niemanden, selbst ihre Eltern nicht. Wenn ihre Mutter sie zu besuchen kommt, bleibt sie nicht lange und nie allein mit ihrer Tochter. Diese Sitte hat wahrscheinlich den Zweck, der jungen Frau die Möglichkeit zu nehmen, ihr neues Leben zu beklagen, und damit den Zwist in der Familie zu vermeiden. Eine verheiratete Frau ist die Sklavin ihres Mannes. Man kann nicht sagen, dass sie mit Arbeit überhäuft ist: die Einfachheit des Lebens und die Beschränktheit der Bedürfnisse befreien sie davon, dagegen liegen ihr aber die schwersten und schmutzigsten Arbeiten ob. Sie kennt selten die Geschäftsverhältnisse ihres Mannes und hört nie ein freundliches Wort von ihm, nichts als Befehle. Sie spricht ihn mit „Ihr" an und nennt ihn, wie alle im Hause, Aga (Herr). Die erste Zeit nach der Hochzeit, wo die jungen Eheleute meist im Hause der Eltern des Bräutigams wohnen, ist die junge Frau der Schwiegermutter untergeben und muss ihre Vorwürfe, ihr Schelten und manchmal auch Schläge ertragen. Vielleicht um das Leben der Frau etwas zu verschönern, existiert die Sitte, dass die jungen Eheleute die Feiertage bei den Eltern der Frau verbringen, und das dauert manchmal einige Jahre. Später muss die Frau vor der Möglichkeit zittern, dass der Mann eine zweite Frau heiraten werde. Auf ihre alten Tage rechnet sie dann mehr auf die Unterstützung ihrer Kinder, als auf die ihres Mannes. Die frühen Heiraten und das schwere Leben lassen die Frau frühzeitig altern, und mit dreissig Jahren sieht die persische Jüdin wie eine Greisin aus. Die oben beschriebenen Zeremonien verlaufen viel kürzer und einfacher in dem Falle, wenn der Bräutigam bei Lebzeiten der ersten Frau eine zweite nimmt. Im Falle der Heirat mit einer Witwe oder Geschiedenen fallen diese Zeremonien ganz weg. Trotz der Zurückgezogenheit des orientalischen Lebens pflegen die Juden an gewissen Feiertagen, wie Pessach, Sukoth, Purim u. dergl. einander gern zu besuchen. Der Hauswirt sitzt dabei auf einem Teppich, und vor ihm befinden sich Präsentierteller mit Wein, Branntwein und Früchten (Orangen, Granaten und anderen, je nach der Saison), mit Blumen, seltener mit Gebäck. Der Besuch dauert gewöhnlich ziemlich

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