Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 4 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2638044-2638048-2638052--0329-2638520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 136 - lange. Die Gäste und der Wirt sitzen meist einander schweigend gegenüber, bis der Wein die Zungen gelöst hat, und nur die Wasserpfeife geht aus einer Hand in die andere. Am ersten Tage nach dem Pessachfeste strömt alles ins Freie, und das Viertel bleibt leer. Im Sommer ziehen die Wohlhabenden auf einige Zeit in das Städtchen Demavend. An Feier¬ und Sabbattagen gehen die Juden ins Europäerviertel spazieren. Dem Trünke wird von den Teheraner Juden, so massig sie im Essen sind, besonders an Feiertagen ziemlich stark gehuldigt. Auch die Frauen rauchen Wasserpfeifen und trinken gern ein Gläschen Wein oder Branntwein. Die Juden singen gern und klimpern auf einer Tara. Dieses Instrument ist in jedem Hause vorhanden, sogar bei dem Rabbiner. Die Teheraner Juden sind, wie alle Orientalen, sehr abergläubisch. Nach der Geburt eines Kindes werden viele Vorkehrungen gegen die Einwirkung des bösen Auges und der bösen Geister, Schejdim, getroffen. Eine weiss geschminkte Frau oder eine solche mit geschwärzten Augenbrauen darf der Wöchnerin nicht nahekommen; die Nachbarn dürfen sieben Tage hintereinander kein Feuer aus diesem Hause nehmen. Wird das Kind grösser, so behängt man es mit verschiedenen Amuletten, deren Text gewöhnlich hebräisch geschrieben ist, (Fig. 1 u .2) aber es gibtauch solche mit arabischen Inschriften, wie z. B.: bismi Allah rachmant rachim, im Namen Gottes, des Allgütigen und Allbarmherzigen, oder bismi Allah raban alamin, im Namen Gottes, des Herrschers der Welt usw. Meistenteils aber besteht ein solches Amulet aus einem besonderen Gebete nach beifolgendem Muster (s. S. 138) auf Pergament geschrieben und Schemuth genannt. Die ganz kleinen Kinder werden vor dem bösen Auge auch dadurch bewahrt, dass man ihnen an die Mützen Hände darstellende Anhängsel aus Silber oder Messing, oder noch öfter runde, flache, durchlöcherte blaue Steinchen annäht. Wenn in einer Familie mehrere Kinder nacheinander in zartem Alter sterben, was bei der grossen Kindersterblichkeit im Viertel nicht selten vorkommt, dann lässt man den Kindern, auch den Knaben, das Haar lang wachsen. Einem solchen am Leben gebliebenen Knaben wird dann das Haar erst im Alter von 8—9 Jahren geschoren, wozu man ihn gewöhnlich in eine" andere Stadt bringt. Der Glaube an Schejdim ist sehr stark verbreitet. Jedes Unglück, das in der Familie vorkommt, die Unfruchtbarkeit der Frauen, sogar das Zerbrechen irgend einer Sache im Hause, alles wird ihrem bösen Einflüsse zugeschrieben. Wenn die Schejdim schon zu viel Aerger verursachen, sucht man sie dadurch zu besänftigen, dass man ihnen ein Gastmahl bereitet, indem man in einem besonderen Zimmer auf ein auf den Boden gebreitetes Tisch-