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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1906-01-01 · 4 (1906) · p. Seite 133

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
Issue
4 (1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 133 (sequence 13)
Language
German
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— 133 — und haben die üblichen Gebete nur auswendig gelernt. Noch geringer als die Zahl der Lesekundigen ist die derjenigen, die schreiben oder auch nur ihren Namen schreiben können. Bei den Ehescheidungen, wo man seinen Namen unterschreiben muss, kommt es an den Tag, wie gross die Zahl der Erwachsenen ist, die weder schreiben noch lesen können. Die Frauen sind mit wenigen Ausnahmen alle Analphabeten. Der Teheraner Jude ist ein guter Familienvater, aber nur Vater, denn die Liebe zur Frau fehlt ihm, dagegen werden die Kinder, besonders die Knaben, vergöttert. Obgleich die Polygamie erlaubt ist, kommt sie doch nur selten vor. Gewöhnlich nimmt man eine zweite Frau im Falle der Kinderlosigkeit der ersten, oder wenn sie keine Söhne hat. Bemerkenswert ist es, dass die Polygamie bei den Armen viel mehr verbreitet ist als bei den Wohlhabenden. Die Ehescheidungen sind nicht selten, besonders bei den Armen, und geschehen oft aus einer unbedeutenden Veranlassung mit erstaunlichem Leichtsinn. Die Polygamie ist unbedingt ein Uebel, das auf das Familienleben störend wirkt: in den Zwist der Frauen, der bei dem Zusammenleben unter einem Dache und bei der niedrigen Bildungsstufe der Frauen unvermeidlich ist, mischen sich nicht nur die Kinder und Verwandten, sondern auch der Mann ein. Man heiratet sehr früh mit 16 oder 17 Jahren, die Mädchen noch früher mit 11 oder 12 Jahren. Ein Mädchen, das mit 15 bis 16 Jahren noch nicht verheiratet ist, läuft Gefahr, ihr Leben lang eine alte Jungfer zu bleiben. Wie überhaupt im Orient wird das Freien von den Eltern besorgt und auch die Ehe von ihnen manchmal ohne Wissen des Bräutigams beschlossen. Es kommt vor, dass die Eltern die jungen Leute noch im Kindesalter verloben. Der Vater des Bräutigams begibt sich, nachdem er ein passendes Mädchen gewählt hat, zu ihren Eltern und unterhandelt einige Tage wegen der Mitgift und dergl. Die Eltern des Mädchens sind nie schwer zu überreden, da man die Mädchen auf die schnellste und billigste Art anzubringen sucht. Es kommt nicht selten vor, dass die Tochter wohlhabender Eltern den ersten besten Armen heiratet, der natürlich weniger Ansprüche macht als ein junger Herr aus reichem Hause. Nachdem die Unterhandlungen beendigt sind, wird die Verlobung veranstaltet, die Schirini - Chordan (Süssigkeiten essen) genannt wird, aber die Thenaim selbst werden oft ohne Zeugen unterschrieben und gelesen. Dann schickt der Bräutigam der Braut, ihrer Mutter und ihren Schwestern Geschenke, gewöhnlich ein Paar Pantoffeln, einige Goldmünzen und ein Paket Henna-Farbe, womit die Braut, ihre Verwandten und Freundinnen sich im Bade Hände und Füsse färben. Von da an wird der junge Mann als Familienglied be-

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