Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 4 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 132 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 132 — auch einen ganzen Korb voll Neuigkeiten und Klatsch. Der Mann einer solchen Vermittlerin ist meistens ihr Gehilfe, indem er ihr die nötigen Waren verschafft. Im Judenviertel führen viele Familien nur dank dieser Beschäftigung der Hausfrau eine einträgliche Existenz. Zu den Frauen, die selbständig ihr Brot verdienen, gehören noch einige Hebammen, Mägde, natürlich nur in Judenhäusern, und Mädchen, die Teppiche weben und ausbessern. Die Zahl der Frauen, die sich mit Wäsche- und Kleidernähen für den Markt und mit der Strumpfwirkerei auf europäischen Maschinen beschäftigen, ist noch klein, vergrössert sich aber nach und nach. Damit das Bild vollständig sei, muss man noch einige Jüdinnen erwähnen, die sich mit Betteln im europäischen Viertel beschäftigen. Bettelnde Juden aber sind selten ausserhalb ihres Viertels zu sehen. Wenn wir noch die wenigen Friseure, die auch in europäischen Häusern Kunden haben, die öffentlichen Schreiber und Wahrsager erwähnen, so ist damit das Beschäftigungsgebiet der Teheraner Juden erschöpft In keinem anderen Lande gleichen die Juden so sehr der sie umgebenden Bevölkerung wie in Persien. Nicht nur im Aeusseren, in der Kleidung und Lebensart, sondern auch im Charakter sind sie den Persern ähnlich, und in dieser Beziehung erinnert der persische Jude in keinem Zuge an seine russischen und westlichen Brüder. Wie der Perser, so ist auch der hiesige Jude höflich bis zur Kriecherei und liebenswürdig in der Ausdrucksweise; die Wahrhaftigkeit fehlt ihm gänzlich. Bei der Begegnung, bei dem Eintritt in ein Haus beginnt er eine Reihe von Begrüssungen: man erkundigt sich nach der Gesundheit Eurer Hoheit, man versichert, dass das Anschauen des Antlitzes „den Augen Licht gebe" u. dergl. Dieselben Begrüssungen folgen bei dem Abschiede. Bei der Einladung erklärt man, dass das Haus des Einladenden ganz dem Gaste gehöre u. dergl. Lobt man irgend einen Gegenstand, so wird er einem sofort angeboten, wollte man aber dieses Anerbieten wirklich annehmen, so wird man gefragt, was für ein Gegengeschenk man dafür geben würde. Derselbe Redestrom begleitet auch die rein geschäftlichen Gespräche. Man schwört dabei Stein und Bein, darauf ist aber nichts zu geben, denn das sind nur leere Redensarten. Wenn ein Jude in der Unterhaltung mit seinem Glaubensgenossen versichert, dass er emeth sage, so darf man ihm darum doch nicht glauben. Die Teheraner Juden können bei weitem nicht alle schreiben und lesen* Das Erlernen des Persischen wurde noch unlängst als unnütz und schädlich betrachtet, und sogar wohlhabende Eltern lassen ihre Kinder kein Persisch lernen. Die hebräische Bildung ist auch wenig verbreitet. Viele können nicht hebräisch lesen