Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 4 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 131 — Gefahr, da man sich dabei wochenlang unter der feindseligen Bevölkerung ohne warme Speise und den schweren Korb auf dem Rücken bewegen muss. Nicht selten kehrt ein solcher Hausierer verwundet und beraubt nach Hause zurück. Zu den wenigen Beschäftigungen, die dem Tjheraner Juden einen sicheren Verdienst und manchmal auch Ehre und Vermögen bringen, gehört die Heilkunst. Wie im Mittelalter in Europa, so sind noch jetzt überall im Orient die jüdischen Aerzte gesucht. In Persien wurden die jüdischen Aerzte sogar in den finstersten Perioden des schiitischen Fanatismus öfter als die anderen vom Schach zu Rate gezogen; es gab unter ihnen Leibärzte des Schachs, seiner hohen Beamten und sogar der Geistlichen. Es befinden sich endlich unter den Teheraner Juden viele Musiker, Sänger, Tänzer und Possenreisser, die nicht nur in jüdische, sondern auch in persische Häuser und sogar zum Schach zur Ergötzung der Gäste bei Familienfesten eingeladen werden. Gewöhnlich vereinigen sie sich in Kapellen, die aus 3—4 Musikanten und 1—2 Tänzern bestehen; die einen wie die anderen singen auch, da besondere Sänger selten sind. Sie ergötzen das Publikum mit allerlei Possen und Streichen oder mit Liedern satirischen Inhalts, in denen mitunter nicht einmal der Schach selbst und seine hohen Beamten verschont werden. Besonders berühmt sind in dieser Kunst die Auswanderer aus Schiras. Die Musik ist im höchsten Grade eintönig und schleppend. Das Repertoire besteht ausser satirischen noch aus Liebesliedern von Hafis und Mirza-Saadi. Die Tänzer sind gewöhnlich Knaben, die die Musikanten im zarten Kindesalter von den Eltern kontraktlich übernehmen und in dieser Kunst ausbilden. Die Tänzer tragen langes Haar und manchmal sogar Frauenkleider. Die Tänze, die dem berüchtigten Bauchtanze ähnlich sind, sind bis zum Ekel unanständig, aber in Persien hat man wahrscheinlich andere AnstandsbegrifFe, denn ich habe am Abend des Simchath-Thora fromme Greise in der Synagoge gesehen, die sich bemühten, diese Tänzer nachzuahmen. Obgleich diese Beschäftigung sehr einträglich ist, so werden die Artisten doch von ihren Glaubensgenossen nicht sehr geachtet. Tänzerinnen gibt es unter den Juden nicht. Der Typus der Escheth chajil ist auch den Teheran er Juden nicht fremd, aber er trägt hier einen anderen Charakter als bei uns. Krämerinnen gibt es in Persien wie im Orient überhaupt nicht, auch unter den Jüdinnen finden wir keine, dagegen begegnen wir vielen weiblichen ,.Dalalen". Dank ihrem Geschlechte haben sie Zutritt in die Harems der reichsten Häuser und bringen dorthin zur Auswahl und zum Verkauf Stoffe, Pretiosen, Toiletteartikel, Luxusgegenstände u. dergl. und zugleich mit den Waren