Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1906-01-01 · 4 (1906) · p. Seite 126

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
Issue
4 (1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 126 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2638044-2638048-2638052--0319-2638510
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 126 — Beim Eintritt in ein Haus oder in eine Synagoge legen die Juden, wie alle Orientalen überhaupt, ihre Fussbekleidung an der Schwelle ab. Der grösste Teil der Juden rasiert den Kopf kahl. Die jüngere Generation beschneidet gern die Haare auf persische Art, d. h. hinten kreisförmig; nur wenige rasieren den Kopf auf die bei dem persischen gemeinen Volke übliche Art, nämlich in der Mitte oder auf dem Vorderteil des Kopfes. Die Mehrheit beschert den Bart und unter den Jüngeren begegnet man auch rasierten Gesichtern. Nur die Greise und jüdischen Mollahs lassen dem Bart sein natürliches Wachstum. Die bei den Persern so verbreitete Sitte, Haar und Bart zu färben, wird bei den Juden fast gar nicht beobachtet. Die Frauen färben oft ihr Haar mit Henna, einer Pflanzenfarbe, die dem schwarzen Haare einen rötlichen Schimmer und dem grauen eine hellrote Farbe verleiht. Fast alle färben mit Henna die Nägel an den Händen und Füssen; die Frauen ausserdem noch oft die innere Handfläche und die Fusssohlen, was als Mittel gegen Schweisse dienen soll. Fast alle, besonders die Mädchen, schwärzen die Augenbrauen und verlängern sie so, dass sie über dem Nasenrücken verwachsen erscheinen (das Ideal der Schönheit bei den Einwohnern von Iran). Charakteristisch für die persischen Juden ist das Fehlen der Schläfenlocken, die sogar die Geistlichen nicht tragen. Indem man den Kopf glatt rasiert, lässt man als Fortsetzung des Bartes nach oben je einen Haarbüschel zurück, der bis hinter das Ohr reicht. Aber das ist eine allgemein, auch bei den Persern, verbreitete Sitte, die nichts spezifisch jüdisches an sich hat. Obgleich, wie schon bemerkt, die Juden dieselbe Kleidung wie die Perser tragen, kann man dennoch die ersteren sogar unter der Menge leicht erkennen, da die allgemeine Unsauberkeit und Nachlässigkeit in Kleidung und äusserer Erscheinung den Juden scharf und unvorteilhaft hervorhebt. Die Ernährung der Juden ist sehr unzureichend: sogar die Wohlhabenden sehen selten Fleisch auf dem Tische und die Armen leben wochenlang, ohne Fleisch oder sonst irgend eine warme Speise zu gemessen. Es gibt Tage, an denen die jüdischen Metzger kein Vieh schlachten, z. B. im Sommer an Sonntagen, weil am Samstag fast alle Fleisch gegessen haben und daher für den Sonntag keines mehr kaufen würden. Fleisch ist verhältnismässig teuer, nicht nur deshalb, weil es zugunsten der Gemeinde besteuert wird, ondern noch aus dem Grunde, weil das „tref" befundene Fleisch dem Metzger grossen Verlust bringt. Die Perser kaufen es nicht, weil es nach den religiösen Begriffen der Schiiten nadjes ist, der Metzger muss es daher unter den Armeniern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.