Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 4 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 125 — die Unsauberkeit der Wohnungen, der Mangel an gutem Wasser, die Zusammengedrängtheit, die Armut, der Mangel an Bildung und die schlechte Nahrung der Bevölkerung in Verbindung mit den Eigentümlichkeiten des Klimas — drückender Sommerhitze und Trockenheit der Luft — das alles macht das jüdische Viertel in sanitärer Beziehung zu einem der schlimmsten Teile der Stadt. Gastrische Erkrankungen, Zehrfieber, Typhus herrschen unausgesetzt, nicht selten entwickeln sich noch andere Epidemien, und die Sterblichkeit im Viertel ist erstaunlich gross. Unter solchen Verhältnissen fällt die grösste Sterblichkeit natürlich auf das zarteste Kinderalter. Man nannte mir Fälle, wo nicht unvermögende Eltern von zwölf Kinder,n zehn im zartesten Alter verloren hatten. Eine Mutter, die 4—5 erwachsene Kinder ihr Eigen nennt, gilt als besonders glücklich. Man kann diese Bemerkung übrigens auf alle Einwohner Persiens ausdehnen, da die gesundheitlichen Verhältnisse überall gleich entsetzlich sind. Diese Zustände und die Unreinlichkeit erscheinen als Ursache auch vieler anderen Krankheiten. Fast jeder Jude, wie auch fast jeder Perser hat einmal in seinem Leben am SaljcJc1) (Aleppo-Knoten) gelitten. Wie überhaupt bei den Persern, so kommen auch bei den Juden sehr oft Krankheiten der Kopfhaut, Krätze, Grind usw. vor. Die verschiedenen Augenkrankheiten sind in hohem Grade verbreitet und führen nicht selten zu völliger Blindheit. Infolge des Zusammenwirkens aller dieser Ursachen und besonders der schlechten und mangelhaften Nahrung stellt der Teheraner Jude einen in gesundheitlicher Beziehung vollständig entkräfteten, zur Abwehr der ungünstigen äusseren Einflüsse unfähigen Typus dar. Herr Nissim Löwi, der jetzige Direktor der Alliance-Schule, der im Viertel lebt, sagte mir einmal, dass ihm nirgends so häufig plötzliche Todesfälle begegnet seien wie bei den Teheraner Juden: Die Wirkung der traurigen Gesundheitszustände wird durch die Unwissenheit und den Fatalismus der Bevölkerung noch verstärkt. Die Kleidung der persischen Juden unterscheidet sich nicht von der der inländischen Bevölkerung. In früheren Zeiten diente der grau-braune Turban als Unterscheidungsmerkmal der jüdischen Geistlichkeit, da damals in Persien jede Klasse und jeder Stamm seinen eigenen Kopfschmuck hatte; jetzt tragen in Teheran nur noch 3—4 Juden — die Schochetim und Soferim — diese Kopfbedeckung. Manchmal sieht man diesen Turban auf dem Kopfe eines zugereisten Chacham. Die übrigen Mollahs (so nennt man nicht nur die muhammedanischen, sondern auch die anderen Geistlichen) tragen gewöhnliche Mützen. 2) Vom persischen Seil, Jahr und jek, ein: einjährig.