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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1906-01-01 · 4 (1906) · p. Seite 123

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
Issue
4 (1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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— 123 - Ghetto nicht und ist nur Ausfluss der religiösen Unduldsamkeit der Perser. Seitens der Juden wurden und werden auch jetzt Versuche gemacht, sich ausserhalb der Grenzen des Viertels niederzulassen. Vor etwa 35 Jahren umzog der Schach Nassreddiu Teheran mit einem neuen Graben, der die Stadt bedeutend erweiterte; in den so neu gebildeten Stadtteilen verkaufte die Regierung billig Bauplätze und einige Juden wagten es damals sich in einem der neuen Viertel, Hassan-Abad genannt, niederzulassen. Noch vor einigen Jahren sollen dort die Juden eine eigene Synagoge und einen eigenen Schäehter gehabt haben, sie scheinen sich aber unter den Ihrigen im jüdischen Viertel doch behaglicher gefühlt zu haben, und die jüdische Ansiedelung im Hassan-Abad löste sich bis auf einige Familien auf. Unter den Juden, die im Hassan-Abad wohnen, gibt es viele sogenannte Djediden, Neubekehrte, solche, die unter dem Drucke gewisser Umstände sich zur muhammedanischen Religion bekehrt haben, aber heimlich das Judentum ausüben. Die Strassen im jüdischen Viertel sind schmutzig, erbärmlich und übelriechend. Mit Ausnahme der kleinen Gässchen, die an die Bazare anstossen, und in denen sich Kaufbuden und Werkstätten beiinden, unterscheiden sie sich nicht von anderen Strassen im Armenviertel. Im nordöstlichen Teil des Viertels befindet sich ein kleiner unregelmässiger, von kleinen Kaufbuden umgebener Platz, fast gänzlich von einem Misthaufen bedeckt, der die ganze Umgegend mit seinen schrecklichen Ausdünstungen verpestet. Abends wird auf diesem Platze Brot und am Vorabend des 15. Schebhat werden dort Früchte verkauft. In einem um diesen Platz laufenden Gässchen befindet sich die älteste Synagoge Kenissah-Challe. Die. einzigen, die sich dieses Platzes sowie der anderen annehmen, sind die Gemüsegärtner, die von Zeit zu Zeit den Unrat abführen, um ihn als Dünger zu verwenden; nur selten werden der Platz und die Strassen auf Kosten der Gemeinde gereinigt. Die Hauptstrasse des Viertels ist die, welche die beiden Bazare verbindet. Sie ist deshalb immer von einer grossen Menschenmenge, Juden und Persern, Fussgängern und Reitern, belebt. Fast jede Familie bewohnt ein besonderes Haus. Häufig wohnen Verwandte in einem Hause beisammen, was sich durch die hohen Mietpreise im jüdischen Viertel erklärt; und nur die ganz Armen mieten ein Zimmer oder einen Teil eines Hauses. Die üblichste Art, die Miete zu entrichten, besteht nicht in der Zahlung zu bestimmten Terminen, sondern darin, dass man dem Eigentümer eine gewisse Summe übergibt, deren Zinsen dem 1*

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