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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1906-01-01 · 4 (1906) · p. Seite 122

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
Issue
4 (1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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— 122 — die aber nicht alle von Juden bewohnt werden, da dazwischen auch Perser wohnen. Aller Wahrscheinlichkeit nach entstand das jüdische Viertel auf dem gegenwärtigen Platze ganz zufällig, indem einige von den ersten jüdischen Ansiedlern besetzte Häuser den Kern zu seiner Begründung bildeten. Uebrigens wird die Erweiterung der Grenzen des jüdischen Viertels nur mit Mühe erlangt. Die Perser vermieten ihre Häuser niemals an Juden: nach den Begriffen der Schiiten, die in dieser Beziehung den toleranteren türkischen Sunniten bei weitem nachstehen, wird das Haus, das Gerät und jeder feuchte Gegenstand oder derjenige, der feucht werden kann, rituell unrein (nadjes), sobald ein Andersgläubiger ihn angerührt hat. Deshalb können die Juden nur in Juden gehörenden Häusern wohnen. Eine Ausnahme bilden in dieser Beziehung die einzelnen in Teheran weilenden europäischen Juden, die unter den anderen Europäern im Nordviertel wohnen. Die Perser verkaufen sehr bereitwillig den Juden ihre Häuser, die sich in der Nachbarschaft des Judenviertels befinden, da der Jude, gezwungen nur solche Häuser zu kaufen, viel teuerer zahlen muss als der Perser, der auch an einem anderen Orte ein Haus kaufen kann. Bei der Ausfertigung des Kaufkontraktes wird der jüdische Käufer gewissenlos ausgebeutet, da der Mollah (muhammedanische Geistliche), der als Zeuge des Kaufbriefes gedient, der Schreiber, der den Kaufbrief geschrieben, und verschiedene andere Leute bezahlt werden müssen: der eine als Mollah, die anderen, weil sie Theologieschüler, die dritten, weil sie Seiden, Muhammeds Nachfolger usw. sind. Vor einigen Jahren kaufte ein Metzger ein Haus in einem an das jüdische Viertel stossenden Gässchen und musste dafür 2000 Tumans *) zahlen, während der gewöhnliche Preis eines solchen Hauses in dieser Gegend nicht mehr als 1200 Tumans beträgt. Aber kaum in sein Haus eingezogen, wurde er von den Persern ausgeplündert, weil sie keinen Juden als Nachbar haben wollten. Der Unglückliche war gezwungen, aus seinem eigenen Hause zu fliehen. Das Haus blieb eine Zeitlang leer, und erst nachdem noch einige Juden in der Nachbarschaft Häuser gekauft hatten, wurde es ihm möglich, von seinem Eigentum Gebrauch zu machen. Solche Verhältnisse zwischen Persern und Juden zwingen die letzteren, sich in einem besonderen Viertel zusammenzupferchen, dessen Grenzen mit dem Wachstum der Bevölkerung sich zwar erweitern, aber, wie gesagt, mit grösster Mühe. Wie man sieht, entspricht das jüdische Viertel dem mittelalterlichen x) Ein Tunian oder Toman im Werte von ungefähr 3 Mark 50 hat 10 Kran zu 20 Schai.

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