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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1906-01-01 · 2 (1906) · p. Seite 70

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
Issue
2 (1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 70 (sequence 14)
Language
German
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— 70 - if noch jenem Stiwl. Er if awek noch'n Stiwl, un dem Kejsers Sun if zugeforn zu der Behejme, un er hot fi opgebundn un fi zugefirt zum Teich un ot areingeschlogn a grejsn Stekn, un ot areingefirt die Behejme bis Half in Waser, un hot alejn fach bahaltn26) unter di Bejmer. Der Goj ot gebracht dem Stiwl un er hot a Kuk geton af die Behejme if nito27). Hot er gefejn fun weitn wi di Behejme stejt in Teich, ot er fach ojsgeton28), un ot. awegelejgt dem Stiwl lebn29) jenem un feine Sachn ejch, un if arein "in Was er, genumen obindn30) di Behejme. If dem Kejsers Sun arojsgegangn vun der Bejm, un hot zugenumen feine Stiwl un dem Grojs Hemd, un if awek zu fein Tatn. „Na31), Täte, ich hob dir gebracht di Hemd vun dem Goj, un fej32) wi der Goj lebt. On33) gejt er!" Ruft fach op34) der Voter zum Sun: „Ejb afej35) bistu doch ejn Ganew!" (Teterin, Gouv. Mohilew). Anmerkungen (von A. L.j *) gesagt. 2) soll. 3) Regierung. 4) Rat. 5) Er. 6) gewesen. 7) einig geworden. 8) Jagd. 9) eine Fahrt machen. 10) Wagen. J1) fortgefahren. 12) fahrend. 13) erblickt .34) Bauer. 15) Vieh, Rind. 16J es sei denn. 17) töten. 18) rasch. ,9) überholt. 20) Werst, ca. 1 Kilometer. 21) an sich nehmen. 22) erwischen. 23) Furcht. 24) zurückgelegt. 25) Baum. 26) versteckt. 27) nicht da. 28) ausgezogen. 29j neben. 30) sich ans Losbinden gemacht. 31) Da hast du. 32) sieh. 33) dort. 34) erwidert. 35) Wenn (dem) so (ist). Den zahlreichen von Köhler zusammengestellten, von Bolte in seiner Ausgabe von Köhlers Kleineren Schriften I, 210 und von Polivka, Zeitschr. f. österr. Volkskunde III, 376 und VIII, 145 vermehrten Varianten dieser Erzählung vom Meisterdieb lassen sich noch hinzufügen die holsteinische, Zeitschr. d. Ver. f. Volksk XIII, 301 ff., die polnischen, Materyaly antropol.-archeologiczne III, 138 ff. und VI, .329 und die bosnische im Wiener Tageblatt: Die Zeit vom 28. Dez. 1902. Am genauesten stimmt mit der vorstehenden Fassung die kleinrussische aus Ostgalizien überein, deren Inhalt Polivka s. a. 0. VIII, 145 mitteilt. Auch in dieser wirft der schlaue Dieb zuerst einen Stiefel, dann den zweiten dem Bauer in den Weg. worauf dieser die Kuh stehen lässt, die der Dieb in einen Sumpf führt. Als der Bauer sich auszieht, um die Kuh herauszuholen, bemächtigt sich der Gauner des Hemdes. Der vorliegenden Version, die schon der abrupte Schluss als Fragment kennzeichnet, fehlt die Motivierung des Gaunerstreichs, der gewöhnlich auf Grund einer Wette oder als Probestück unternommen wird, um sich der Aufnahme in die Gaunerzunft würdig zu erweisen. Nur in dieser Fassung ist der Held zum Kaisersohn geworden. Wenn man darin mehr als eine unbeabsichtigte und beziehungslose Reminiszenz an den üblichen Märchenstil erblicken will, so ergibt sich als „Moral" der Geschichte, dass Bildung keine unumgänglich notwendige Regententugend ist, sondern durch besondere Diebsbegabung ersetzt werden kann, eine Anschauung, die ja auch den König Rhampsinit bei der Wahl seines Schwiegersohnes geleitet hat.

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