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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1906-01-01 · 1 (1906) · p. Seite 36

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
Issue
1 (1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 36 (sequence 41)
Language
German
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— 36 — den Baum, das ist die Neschama (Seele), die regiert, kehret un' wendet, macht gänglich alle glieder, aber keiner sieht den Vogel; denn die Neschama ist varborgen in Guf (Leib). Un' dass der Baum an sich ziehet alle Kräften un' yardorret darnach, das ist, dass sich der Mensch an das Seinige nit begnügen lasst un* will alles, was er sieht, an sich ziehen un' variiert oft das Seinige darüber, dass das U[n]recht das Recht(e) frisst. - U[n]versonnen sterbt der Mensch, un' varlasst alles hinter sich, so fliehet der Vogel in die Luft. Das ist die Neschama (Seele) un' sie klagt auf den Guf (Leib) un' sie sagt: ,weil (während) du gelebt hast, war alles nit genug(en) un' hast nit geruhet noch geschlafen, bis ich dir hab ge[m]acht ein Reichtum nun itzund vardörrestu mir un' lasst alles hinter dich. Nun stirbstu, was hilft es mich oder dich? Hä(tte)stu lieber von dein Reichtum Gutes getan, so wären mir wohl ankommen. Un' nun das ist die Bescheidung vor das Rätnis mit der Wahrheit. Wollt ihr die Wahrheit bekennen, so wer[de] ich dich a[u]ch wieder annehmen.' Un' sie hebt ihr Augen auf un' sieht den Talmid chakham recht an un' sie erkennt ihn, dass er ihr Mann war, un' sie sprang auf un' sie fallt ihm um sein Hals, un1 sie weinet mit ihm ein Weinung ein grosse, un' sie waren dar erfreut un' machten ein grosse Malzeit. Un' der Schiffmann fiel vor Schrecken auf sein Knie un' er bat vor (für) sein Leib. Un' er sagt, des Talmid chackam: ,weil du mein Weib nit [berührt] hast, so schenk ich dir dein Leben, aber derweil du genommen hast, was nit dein ist, so nehm' ich dir das Deine wieder4. Un' er nahm ihm all sein Reichtum un' Hess ihn la[u]fen. Un* sie varbleibten dar in ihr Frommheit in grossen Freuden mit grossen Reichtum. Nun, sie erzählten einer den anderen, wie es ihnen gangen war, un1 sie waren sich aber sehr mezaar (vergrämt) wegen ihr Kinder; denn sie meinten, sie wären ertrunken. * Nun es war einmalt ein grosse Hitz, dass man bei der Nacht nit schlafen kennet, un' es waren dar viel Schiffen, un' sie gingen, all die Knecht, aus die Schiffen in die Luft, zu reden einer mit den anderen, darmit dass sie sich wollten bei der Nacht die Zeit vartreiben. Un' die zwei Söhn waren auch unter ihnen. [Sie] wussten nit, dass ihr Vater un' ihr Mutter dar wären, un' da sagten die zwei Knaben: ,mir wollen nun einander was auszuraten geben, darmit dass wir die Nacht durchbrengen. "Nun sie waren alle zufrieden un' sie machten zwischen sich [aus], wer einer den anderen sein Bescheid treffen werd auf seine Rätnis, der soll zehn Gulden haben, un' wer kein Bescheider sein werd auf sein Rätnis, so soll der Räter~zehn Gulden haben. Un sie sageten. Jassen [wir] die zwei Knaben voraus zu raten haben, darweil sie varständiger sein, als wir.4 Un1 sie fingen an, die Knaben, un' sageten: ,mir haben gesehen gar ein köstliche schöne Jungfrau un' sie sieht nix auf ih±lAugen, sie weist'ein hübschen zarten Leib [auf], (un') er ist aber nit vorhanden. Die junge Frau steht auf alle morgens früh, sie weist [zeigt] sich nit den ganzen Tag, auf der Nacht kommt die Jungfrau wieder, geziert mit grosse Zierung, welche Zierung die nit einmal beschaffen sein un' garnit auf die Welt seih. Mit zugetane Augen sieht man sie, mit offne Augen varschwind[et] sie. Nun, das ist das Rätnis. Bescheidet ihr nun itzunder die Bescheidung!'

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