Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 1 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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— 35 — so spricht er zu ihm: ,lieber Herr, warum erschreckt ihr also?4 Un' er entfert (antwortet) un' saget: ,ich verwunder mich auf den herrlichen varnu[n]ftigen Eätnis, ich möchte es von der Frauen selbst gern hören. Vielleicht habt ihr was vargessen oder mehr zugesetzt. Un' wenn sie es a[u]ch also erzählen wird, so will ich es in Bedacht nehmen, vielleicht möcht ich es erraten.1 „Wajischlach" (und er sandte) un' er sendet, der Talmid chakham, ein Boten von seine Knechten nach ihr, un' der Knecht lauft gar geschwind un' sagt zu ihr: ,bereit[et] euch an! Ihr sollt mit zum Fürsten gehn un' sollt mit ihm essen un' trinken mit euern Mann.1 Als die gute Flau das hörte, klop[f]et ihr das Herz, denn sie wusst nit, warum sie darhin geführt werd, un' sorget, dass sie nit aus Unglück in ein anders, das grösser ist, kommen sollt. Was sollt die gute Frau aber tun? Sie musst gehen, wor man sie hinführt. Nun, sie 'bekleidet sich und zieret sich, als wie eine, die vor ein König gehn soll. Nun sie kam in das Schloss, un man sagt sie bei dem König an. Also spricht er, man soll sie arein lassen. Also war sie aneingeführt un' man gab ihr ein Stuhl, darauf zu sitzen an Tisch neben den Schiffer, un' der Talmid chakham empfanget sie, un' er zweifelt etwas an ihr Gesicht un' erkennt sie nit recht, un' sie erkennt ihn gar nit; denn es wären schon viel Jahren, dass sie von asammen waren, un' senen ganz verändert geworen an ihr Angesicht un' Kleidung. Un' der Talmid chackam schwieg still un' sie assen un' tri[a]nken un' waren lustig. Aber der Talmid chackam könnt nit lustig sein, un' er sass als einer, der da sitzet in grosse Gedanken. Da spricht der Schiffer zu den Talmid chackam: ,mein Herr, warum seid ihr nit lustig un' sitzt so in schwere Gedanken? Ist euch leid, dass mir so lang essen un' trinken, so wollen mir aufhören un' uns bedanken un' unsren Weg weiter nehmen.' So spricht der Talmid chackam: ,nein, ihr seid mein liebe Gast, un' ich bin nur betracht wegen des Rätnis. Ich möcht' es von der Frau selbst gern hören.' Un' er gebot der Schiffmann, zu seiner Frau, dass sie das Rätnis sollt Selbsten den Fürsten varzählen. Un' sie arzählt ihm das Rätnis, wie oben gedacht. Un' er sagt zu ihr: ,von wem habt ihr das Rätnis?' Sie spricht: ,Herr, ich habe ein frommen Mann gehat, ein (grossen jüdischen Rabbiner, un' [er] erzählt mir alle zeit solche alte Geschichten un* Rätnis, un' von diesen Rätnis weiss kain Mensch dar von, was die Bescheidnis (Lösung) ist.' So antwort[et] der Talmid chakham; ,un' wenn euch nun einer den Bescheid sagen möcht, wollt ihr die Wahrheit bekennen?' Sie antwortet ihm: ,mein lieber Herr, es ist keiner auf der weit, der dieses Rätnis mit der Wahrheit bescheiden kann, sondern mein voriger Mann.' Un' der Talmid chakham entfert: ,nun bin ich der Bescheider, der es bescheiden kann. Der Vogel, der da fliegt vom Himmel bis auf der Erd, das ist die Neschama (Seele) vom Menschen un' sie setzt sich auf ein Bäumlein, das ist der Guf (Leib) von den Menschen. Der ist geglichen zu einem Ba[u]m, der da aufwachst gar hübsch grün un' zweighaftig, das ist die Jugend, die ist geglichen zu einem hübschen Lustgarten. Un' das der Vogel kehrt un' wendet 3*