Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 1 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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— 34 — wackren reichen Schiffherrn im' er Hess bitten, man sollte ihm nit lang aufhalten. So sagt der Talmid chakham: ,heint (heut) ist Jomtob (Feiertag). Ich darf ihm nit fragen, was er führt. Er muss warten bis nach Jomtob. Er soll araufikommen un' soll mit mir speisen.' Un' er sendet nach ihm un' da[s] er kam, empfing er ihn un' Hess ihm sitzen. Aber der Schiffer betet, der [wohl für: sehr], man sollte ihm passiren lassen. Es wollt aber nix helfen, er musst dort bleiben un' mit ihm speisen. Also fragt er ihm, von wannen er ist, ob er a[u]ch Weib un' Kinder hat. Also sagt ihm der Schiffmann, von wannen er ist, un' er hat zwei Weiber, die eine ist zu Haus, mit der selbige hätt er drei Kinder. ,Die halte ich vor ein Hauswirtin. Die andere aber ist gar zart, taug nit zu der Hausarbeit. Aber die ist gar verständig, wofür ich sie allezeit mit mir [führe], acht zu haben auf das Schiff. Un' sie nimmt von Leuten mein Geld ein un' schreibt es auf un' verwahrt mir all' mein Sachen. Un' ich hab sie all mein Tag nit [berührt]/ Da fragt der Talmid chakham: ,mein lieber schiffer, sagt mir doch, warum ihr sie nit [berührt] hätt'. So enfert (antwortet) ihm der schiffer: ,die Frau hat zuvoren ein mann gehat, welcher gar sehr varständig ist gewesen un' sie hat von ihm gelernt ein Rätnis (Rätsel) so: „Wer das Rätnis trifft, der ist mein mann gleich in Verstand, so lasse ich ihn bei mir schlafen. Wor aber nit, lass ich mich erschlagen eher, denn ich einem Hess bei mir schlafen oder brächt mich selbst ums Leben; denn es ist nit billig, dass der Bauernflegel auf des Königs Pferd soll reiten." So spricht der Talmid chakham: .lieber schiffer, ich bitt euch, erzählt mir, was das Rätsel ist.' So sagt der Schiffer: ,die Frau giebt vor, wie ein Vogel war fliegen vor Himmel bis auf der erden ohn Flügel, un' setzt sich auf ein kleines Bäumlein gar hübsch un' gar fein. Er wendet und kehret das Bäumlein hin un' her, man sieht den Vogel nimmermehr. Er kräftiget das Bäumlein, bis es tut blühen die schönsten Blumen. Es zieht an sich alle kräften, die es nur kann bekommen. Unversonnen dörret das Bäumlein un' wird ganz vergift. Der vogel fliegt von ihm in die Luft. Hebt an zu singen un' zu brummen, schreiet: -,ei, du betrübtes Bäumlein, wer hat dir deine Kräften genommen, da du sie gern gehat hä[tte]st, kannstu sie nit bekommen, nun hastu sie bekommen durch mich, so verdorrestu, was helft es dich?" Nun, mein König, das ist ihr Rätnis, welches mir nit möglich ist zu treffen.' Un' als der Talmid chakham höret das Rätnis, un' er antsetzt sich gar sehr, denn er wusst, dass es sein Rätnis war un' merket, dass dieses sein Weib sein musst. Un' er sach, der Schiffmann, dass der Talmid chakham so erschrak,