Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 1 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 29 — sagt R. Phöbus zu Abr. Lopez: „Mein Abraham! Leg Dein Ohr einmal auf R. Chajjims Mund, ob Du hören kannst, was er sagt." So hat Abr. Lopez sein Ohr nahe an seinen Mund gelegt und wie er so eine kleine Weile still gelegen und hören wollen, was mein sei. Mann sagen werde, so hat er gehört, dass er hat gesagt: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott der Herr ist einzig!4, Damit ist ihm der Atem stehen geblieben und seine lautere Seele entwichen. So ist er in Heiligkeit und Reinheit gestorben, und an seinem Ende hat man gesehen, was er gewesen ist. Nun, meine lieben Kinder, was soll ich viel schreiben von unserem bitteren Leid. So einen Mann zu verlieren! Bin bei ihm in solch hoher Achtung gestanden! Und nun mit acht Waisen, worunter meine gute Esther Braut gewesen, sitzen bleiben! Ach, was kann oder soll ich klagen oder sagen! Gott soll sich unser erbarmen und soll der Vater meiner verwaisten Kinder sein! Denn Du, einziger Gott, Du bist ja der Vater der Waisen! Nun, ich will mit meinem Weinen und Jammern stillschweigen ein wenig, denn ich sorg', ich werde den lieben Freund wohl alle meine Tage beweinen müssen! — Wie Glüekel fabuliert. p. 37. Es war ein malt ein Chasid (frommer Mann) uu' der selbe hatt' zwei kleine Söhn un' ein frommes Weib. Er hatt' auch etwas Geld, dar von er zehret, aber er wusst' kein Masse u-mattan (Geschäft) zu treiben, nix änderst als zu lernen. Un' der Chasid wollt' sich doch alls mit Gewalt gern ernähren, kede (damit) dass er sein Weib un' Kinder sonder der Leuten Gift un' Gab ernähren könnt1. Aber das Glück wollte ihm nit wohl un' er war sich nebbich (leider) ein schuldigen, dass er die Leut' nit bezahlen könnt' un' hatt' auch keinem, der for ihm wollt' erub areb Bürge) sein. Un' die Leut', die er schuldig war, die varklagten ihn vor den Richter. Also sprach der Richter den Pesak (Urteilsspruch) aus, weil er nit bezahlen könnt' un' kein erub (Bürge) auch nit [da war], so sollte man ihm tafus (gefangen) legen, welches auch geschah. Nun, [sein] fromm Weib weinet ein grosse Weinung un' sie wusst' sich nit mit ihre zwei kleine Kinder zu ernähren, ubhifrat (zumal) dass ihrer armer Mann auch tafus (gefangen) sass, dass dar sie nebbich (leider) auch musst für sorgen. Als sie nun in ihren Jammern un' Weinen war, kam zu ihr ein alter Mann un" fragt sie warum sie so weinte. Un' sie sah, dass es so ein hübscher ehrbarer alter Mann war, da erzählte sie ihm all ihre Not. Dar sagt' der alter Mann: ,Hör' auf zu weinen; denn Gott wird dir wieder helfen. Dar weil dein Mann die Toi*a (heilige Lehre) lernt, so wird Gott deiner nit vergessen; denn Gott lasst kein Talmid chakam (Gelehrten) varfallen. Hilft er ihm nit in der Jugend, so hilft er ihm in die Alter. Un' ich weiss, dass du dich viel genöten wirst un' wer'n dir un' dein' Mann un' deine Kinder viel Wind unter Augen gehn. Aber Gott wird euch alles zu guten tun, wenn ihr Geduld tragen wer't." Un' er tröst* sie noch mehr un' gab ihr ein' Rat, dass sie ein' Wäscherin solt wer'n un' die Leut' um Lohn ihre Hemder Wäschen. ,So wirst du dich mit dein Mann un' Kinder ernähren können, wenn du dich nur nit schämst,. ein jederen anzumuten,