Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 1 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 28 — gegenüber nit halb seine Krankheit ausgetan, und mein Sohn Lob sei. And. ist ein Jüngling von etwa 16 Jahren gewesen, der hat all's müssen bei ihm sein, und wenn ich bin herausgegangen, hat er den Jungen zu sich genommen und mit ihm geredet und ihn ermahnt. So hat der Junge mächtig sehr geweint. Aber sobald als mein sei. Mann gemerkt, dass ich in die Stub bin gekommen, hat er zu meinem Sohne Löb gesagt: „Schweig um Gottes Erbarmen willen, die Mutter kommt herein, dass sie dich nicht sieht heulen!" Aber was hilft es! Er ist leider in Todesnot gelegen und hat noch Sorge um mein Leid gehab t. Am Sabbat zu Morgen nach Essenszeit ist meine gute Mutter zu ihm gekommen. Sie ist über ihn gefallen und hat ihn geküsst und gedrückt mit Tränen und gesagt: „Mein Sohn! Wollt Ihr uns denn so verlassen? Wollt ihr mir nichts befehlen?'' So sagt er: „Meine liebe Schwieger! Ihr wisst, dass ich Euch als eine Mutter geliebt hab. Ich weiss Euch nichts zu befehlen, erst mein Glückelchen." Das ist sein letztes Wort gewesen, dass er mit meiner guten Mutter geredet hat. Danach sind mehr Doctoren und Bruchschneider gekommen, aber leider alles umsonst. Am Sabbatausgang ist keiner mehr bei ihm gewesen, als ich und der Abraham Lopez. Denn er hat keinen wollen bei sich haben. Um Mitternacht hat Abr. Lopez nach dem Bruchschneider geschickt; denn er hat gemeint, dass sich die Wunde sollte zur Operation eignen. Wie der Bruchschneider gekommen ist, hat man sofort gesehen, was der Mär (der Tatbestand) gewesen ist. Also ist der Bruchschneider hinweggegangen und hat gesagt, dass leider keine Rettung mehr wäre. So sag ich zu ihm: „Mein Herz, soll ich Dir die Hand geben?" Denn ich durfte ihn aus rituellen Gründen nicht berühren. So sagt er zu mir: „Gott bewahre, mein Kind! Es wird ja so lang nicht währen, dass du mir wieder wirst die Hand geben dürfen." Was er leider nicht erlebt hat. So bin ich noch ein wenig bei ihm stehen geblieben und mit dem Abr. Lopez habe ich geredet, welcher gesagt hat, man sollte R. Phöbus Levi rufen lassen, welcher ein wackerer Mann bei Kranken gewesen. Wie derselbe kommt, hab' ich gar einen wackeren Lehrer im Hause gehabt. Den lasse ich auch herbei rufen. Es war ungefähr um zwei Uhr in der Nacht. Wie R. Phöbus kommt, so geht er zu ihm: „R. Chajjim, wollt Ihr nichts befehlen?" Sagt er: „Ich weiss nichts zu befohlen. Meine Frau, die weiss von allem. Lass' sie tun, wie sie hat vordem gepflogen zu tun!" Und er sagt zu R. Phöbus, man solle ihm geben das Werk des R. Jesaja Horwitz (Scheue luchoth haberith), woraus er etwa eine halbe Stunde gelernt hat. Danach hat er es wieder hinweggegeben und sodann zu R. Phöbus und unserem Lehrer angefangen: „Wisst Ihr nicht, was der Mär ist? Lasst meine Frau und Kinder hinausgehen, es ist hohe Zeit." Nun hat R. Phöbus uns wirklich mit Gewalt hinausgeführt. Nun will ich allen betrübten Herzen den Abschied zu erkennen geben. Danach hat R. Phöbus noch das Eine und das Andere mit ihm reden wollen. Aber er hat ihm keinen Laut antworten mögen und hat alles in sich geredet, dass man nur gesehen hat, dass sich seine koscheren (reinen) Lippen geregt haben. Das hat etwa eine halbe Stunde gewährt. So