Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 1 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 22 — ein Jude gewesen und ich war allein. So bat ich den Wirt, er solle mir zwei Bauern schicken, die sollten sehen, dass sie ihn finden und herbringen. So sind die beiden Bauern geritten und 1/2 Stunde vom Dorf fanden sie meinen guten Jacob wie ermordet, abgemartert vom Weg und der Trunkenheit. Er hatte vorher einen guten Mantel an und etwas Geld bei sich, alles war weg. So haben ihn die beiden Bauern auf ein Pferd gesetzt und in die Herberge gebracht. Obschon ich sehr ärgerlich auf ihn war, habe ich doch Gott gedankt, als ich ihn wieder zu sehen bekam. Es hat auch über 6 Tlr. gekostet. Nun liess ich ihm was zu essen geben und meinen schönen Diener (Meschores), der da auf mich und meine Kinder hatte aufpassen sollen, hab' ich bedienen müssen. Als es Tag wurde, die Fuhrleute die Wagen brachten und wir wieder fortsollten, habe ich mich mit meinen Kindern, der Magd und dem Diener auf den Wagen gesetzt und zu meinem Jacob gesagt, er solle sich auch nun setzen und es nicht wieder machen, wie er es schon gemacht hat. Er sagt: „Nein, ich will man in die Stub gehn und zusehen, dass nichts liegen geblieben ist." Ich meine, es wäre auch so. Aber mein guter Jacob setzt sich wieder hübsch ins Wirtshaus und fängt [mit seinem Kumpan] wieder von Neuem zu saufen an. Ich schicke die Fuhrleute hinein, sie sollten doch nun herauskommen. Wir hätten in dem elenden Wetter so lange schon auf den Wagen gesessen. Die Fuhrleute fingen auch zu lärmen an, was das wäre. Ihre Pferde gingen zuschanden, dass sie so lange in dem Wetter stehen müssten. Das hat aber alles nichts geholfen, denn der Bote ist (Herr und) Meister gewesen und die Fuhrleute haben wol warten müssen. So haben wir wieder zwei Stunden gesessen und sind nicht eher hinweggefahren, bis die beiden ganz betrunken waren und sich endlich zu Wagen setzten. Nun was soll ich schreiben? Die Händel haben mir wirklich in jeder Herberge gehabt. Nun, Gott hat uns bis nach Harburg geholfen, wo mein Vater und mein sei. Mann uns erwarteten, die uns entgegen gekommen waren. Eine Beise über den Dollart. p. 149. Hierauf reisten wir von Amsterdam nach Delfzyl. Man muss da über ein Meer, es heisst der Dollart. Der stärkste Mensch, der das Meer nicht gewohnt ist, muss dort totkrank werden. Denn es ist dort ein Wasserwirbel und das Schill' wird sehr gerüttelt. So sind wir denn in das Schiff gekommen und haben unser Gesinde in der „Kajüte" gelassen, das ist so viel als im Hause, und ich und mein sei. Mann haben uns von dem Schiffer ein kleines Kämmerchen gemietet, dass wir darin allein sein könnten. In der Wand des Kämmerehens war ein Loch, dass man Öffnen und schliessen konnte. Man hat dadurchlin die Kajüte sehen und hinaus und hereintun können, was man wollte. In dem Kämmerchen waren zwei Bänke, auf die man sich hinlegen konnte. Mein sei. Mann sagte mir: „Glückelchen, da leg dich hübsch auf eine Bank und ich will dich wohl zudecken und reg dich ja nicht und lieg ganz still, so wird dir das Meer nichts schaden." Ich war niemals darüber gefahren, aber mein sei. Mann ist so und so oft über den Dollart gefahren und ist darin erfahren gewesen. Ich habe zwar meinem Mann gefolgt und mich still hingelegt, aber in der Kajüte war meine