Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1906-01-01 · 1 (1906) · p. Seite 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
Issue
1 (1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 21 (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2638044-2638048-2638049--0210-2638398
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 21 — lange warten, bis er mit Jacob zu uns kommt." Was hab ich tun sollen? Wir sind so noch zwei Stunden gesessen, bis der Mauthner gekommen ist, der mit uns Mitleid hatte und uns vom Wagen steigen liess und in seine warme Stube nahm, dass sich die Kinder nebbich wieder durchgewärmt haben. Nun, da haben wir auch eine Stunde zugebracht. Da sag ich zu dem Mauthner: „Ich bitt Euch, Herr, macht, dass der Postillon fort mache und dass wir vor Nacht in die Herberge kommen mit meinen kleinen Kindern, denn der Herr sieht ja wol, was das für ein Wetter ist, dass man bei Tag nicht kann fortkommen, wo soll man denn in der finstern Nacht hin? Wenn — Gott sei davor — in der Nacht ein Wagen sollt umschlagen, wäre es ja eitel halsbrecherische Arbeit." So sagt denn der Mauthner zum Postillon, er solle stracks fortfahren. Der Postillou aber sagt: „Mein Herr, wenn ich fortfahren sollte, der Postbote Petersen, der zerbricht milden Hals und ich krieg keinen Pfennig für mein Fuhiiohh. Der Mauthner war aber ein wackerer, guter Mann, er zwang den Postillon mit uns fortzufahren und sagte: „Wenn die beiden versoffenen Schelme kommen, mögen sie sich jeder ein Pferd nehmen und nachreiten, ihr bleibt doch in der Herberge über Nacht." Nun wras hat der Postillon tun sollen, er hat mit uns fortfahren müssen. So sind wir zwar in dem bösen Wetter fortgefahren, aber doch hübsch bei guter Zeit in die Herberge gekommen, wo wir eine gute warme Stube und allen guten Willen (ingehabt) gefunden haben, ob zwar die Stube vollgesteckt mit Fuhrleuten und Reisenden, dass es gar eng in der Stube war. Aber die Leute haben uns allen guten Willen erzeigt und mit den Kindern nebbich Mitleid empfunden. Sie haben nebbich keinen trockenen Faden an sich gehabt. Ich habe ihnen ihre Kleidereher zum Trocknen hingehängt und die Kinder nebbich sind wieder zu sich selbst gekommen. Wir hatten gutes Essen bei uns und in dem Wirtshaus war gar guter Breihahn. So haben wir nach unserer mühseligen Reise uns wieder erquickt mit gut Essen und Trinken. Wir sassen noch gar lange in der Nacht und meinten, unsere beiden Saufbrüder sollten kommen. Aber es ist niemand gekommnn. So habe ich mir eine Streu machen lassen und habe mich mit meinen Kinderchen darauf gelegt. Ich habe noch nicht schlafen können, habe ich doch Gott gedankt, dass ich meine Kinderchen zur Ruhe gebracht habe. So lag ich denn in Gedanken bis etwa um Mitternacht, da entsteht ein Lärm in der Stube, der Postbote kommt betrunken mit blossem Degen in die Stube gelaufen und fällt über den Postillon her und will ihn erstechen dafür, dass er für sich gefahren ist. Der Postillon verteidigt sich so gut er kann, der Wirt kommt auch herein und man macht, dass sich der Postbote endlich zufrieden giebt. Ich sass nebbich im Winkelchen, still wie ein Mäuschen. Denn das ist ein Säufer (Schikker) und Verrückter (Mesehugge < gewesen. Ich sass da in eitel Angst, dass ich den Jacob nicht gesehen habe. Ein Weilchen darnach setzt sich der Postbote fressen, ich sehe, dass ihm die Wut ein wenig vergangen ist, ich gehe zu ihm und sage: „Herr Petersen, wo habt ihr denn meinen Jacob gelassen?" „Wo sollt ich ihn gelassen haben? Er hat nicht weiter können fortkommen, so ist er an einem Zaun dicht an einem Wasser liegen geblieben. In der Stunde mag er all versoffen sein." Nun das hat mich sehr erschreckt, habe nicht gewusst was ich thun sollte. Es ist doch ein Mensch und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.