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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1906-01-01 · 1 (1906) · p. Seite 16

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
Issue
1 (1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 16 (sequence 21)
Language
German
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— 16 — Ich bin uocli ein Kind, nicht 12 Jahre alt gewesen, da hat mich mein seliger Vater verlobt und etwa zwei Jahre bin ich verlobt gegangen. Meine Hochzeit ist in Hameln gewesen. Meine Eltern sind mit mir auf die Hochzeit gezogen, wir sind mit zwei Minjanim (20 Mannspersonen) gewesen. Damals ist noch nicht gewesen, dass es so mit den Posten gewesen ist, also haben wir müssen Bauernwagen mieten bis gen Hannover, und wir haben sogleich, als wir sind nach Hannover kommen, nach Hameln geschrieben, sie sollten uns "Wagen schicken nach Hannover. Meine gute Mutter hat vermeint, dass man in Hameln kann so Kutschen haben, als wie in Hamburg. Zum wenigsten hat sicli meine gute Mutter gedacht, dass mein lieber Schwiegervater werde eine Kutsche schicken, dass die Braut mit ihren Leuten darin kann fahren. Aber den dritten Tag sind drei, vier Bauernwagen gekommen, die haben Pferde gehabt, dass nötig war gewesen, mau hätt' sie auf den Wagen gelegt. Nun, ob meine gute Mutter ist ein wenig unwillig gewesen, hat sie es doch nicht ändern können. Also haben wir uns im Namen des Gottes Israels auf die Bauernwägelcheu gesetzt und sind nach Hameln gekommen. Abends haben wir ein ganzes Gastmahl gehabt. Meine Schwiegereltern sind wackere Leut gewesen und R. Josef Hameln sei. And. hat wenig seines Gleichen gehabt. Also hat mein sei. Schwiegervater ein grosses Glas mit Wein meiner guten Mutter zugetrunken. Meine gute Mutter hat noch als' ein wenig Groll gehabt, dass man keine Kutsch entgegen geschickt. Mein sei. Schwiegervater hat den Groll bemerkt und wie er — der Friede sei mit ihm! — ein löblicher wackerer Mann gewesen und ein grosser Witzbold, also sagt er zu meiner guten Mutter: „Hört zu, mein' liebe Mechutteneth (d. i. Schwiegermutter des Kindes), ich bitt euch, seid nicht unwillig! Hameln ist nicht Hamburg. Wir haben hier keine Kutschen, wir sind schlichte Landleute. Ich will euch erzählen, wie es mir ergangen ist, da ich bin ein Bräutigam gewesen und auf meine Hochzeit gezogen. Mein Vater hat geheissen Samuel Stuttgart, ist Vorsteher in ganz Hessen gewesen und ich bin ein Bräutigam gewesen mit mein Freudeheu, Nathan Spaniers Tochter, habe zur Mitgift gekriegt 2000 Thaler, und mein sei. Vater hat mir 1500 Thaler versprochen. Das ist zur selben Zeit ein grosse Mitgift gewesen. Also ist es gegen die Hochzeit gegangen, so hat mein sei. Vater einen Boten gedungen, den hat man den „Fisch" geheissen. Dem hat mein Vater meine Mitgift auf den Buckel geladen, sie nach Stadthagen zu tragen. Dort hat mein sei. Schwiegervater Natan Spanier gewohnt. Ich und mein Bote Fisch haben uns auf die Füsse gemacht und sind nach Stadthagen gegangen. Wie ich nun nicht weit von Stadthagen bin, verbreitet sich die Kunde, der Bräutigam wäre nicht weit, und es kommt R. Leb mit seiner Gesellschaft heraus geritten dem Bräutigam entgegen. R. Leb war von Hildesheim, von Leuten, die sich allezeit gar prächtig [gehalten] geführt haben. Wie er nun zum Bräutigam kommt, trifft er ihn mit seinem Boten, dem Fisch, beide zu Fuss an. Sogleich kehrt er um und meldet der Braut: „„Freudchen's Bräutigam kommt auf einem Fisch geritten."" Da ich heutzutage wohl kann auf guten Pferden reiten, darum bitte ich euch darüber nicht ungeduldig zu sein."

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