Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Zweiter Jahrgang (1906)
- Issue
- 1 (1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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— 15 — sie: „Wo hast du mein Kind?" Die Magd weiss nicht, was sie redet aus dem Schlaf. Aber mein Mutter erwacht auch darüber und sagt zu der Magd: „Um Gottes "Willen wo hast du Glückelchens Kind?" Die Magd war so verschlafen, dass sie keine Antwort geben konnte. So sag ich denn zu meiner Mutter: „Memme, tomer (vielleicht) hast du mein Kind bei dir im Bett?" Sie sagt: „^Nrein, ich habe mein Kind bei mir." Dabei drückt sie es so fest an sich, als ob man ihr das Kind wegnehmen wollte. Da fällt mir nun gerade ein, dass ich über ihre Wiege gehe und nach ihrem Kinde sehe. Hat doch ihr Kind in der Wiege gelegen und auch geschlafen. Ich sage nun: „Memme, gib mir mein Kind her, dein Kind liegt in der Wiege." Hat sie es doch nicht glauben wollen, und ich habe ihr ein Licht und ihr Kind bringen müssen, dass sie es recht besehen hat. So habe ich meiner Mutter ihr Kind gegeben und meines genommen. Das ganze Haus ist darüber wach geworden und in Schrecken geraten. Aber nachher hat sich der Schreck in Gelächter verwandelt und man sagte: „Bald hätten wir den König Salomo als Schiedsrichter nötig gehabt". . . Nun, meine gute Mutter hat ihre Kinder alle gehabt ausgegeben in Wohlstand und Ehren und in alle Vergnüglichkeit. Als mein sei. Vater gestorben, ist meine gute Mutter etwa 44 Jahre alt gewesen. Ob ihr zwar unterschiedliche gute Partien sind gekommen, dass sie hätt' wieder einen Mann nehmen können, dass sie wieder in grossen Keichtum gekommen war', hat die liebe fromme Frau sich doch niemals drein begeben wollen und Heberst also sitzen bleiben und mit dem wenig, was sie nebbich noch hat überbehalten, sich allein in ihre Stilligkeit behalten und sich mit den wenig sauber und schön ernährt und doch in ihr eigen Häuschen gewohnt und ihre grosse Maid bei sich gehabt und geruhig und wohl gelebt und ist zu bitten dem Gott, so er strafet eine Frau, dass sie ihren ersten Mann — Gott behüte! — verliert, derselben wolle doch der gütige Gott auch so eine Gesinnung eingeben, so vergnüglich als die liebe Frau lebet und so viel Gutes als sie von den Bisselchen tut und wie geduldig sie in allem ist, was ihr Gott zuschickt. Es wäre viel davon zu schreiben. Und so ist sie in Ehren sitzen blieben. Gott soll geben, dass sie es soll ausführen, bis unser Messias kommt. Die Yargnüglichkeit, die wir Kinder und ihre Enkelchen von der lieben Frau haben, ist nicht zu reden. — Gott wolle sie bis zu 100 Jahren gesund lassen! Glüekels Schwiegervater. p. 58. Die Gemeindevorsteher von einst haben ihre Gemeinde und die einzelnen Mitglieder geschont wie den Stern ihres Auges, dass sie nicht in Schulden sind gekommen. Haben sie einige hundert Thaler nötig gehabt, so hat der Vorsteher sie verauslagt und nach und nach wiederbekommen, so dass es der Gemeinde ist nicht beschwerlich gefallen. Mein Gott, wenn ich mich recht bedenk, so ist das selbige mal so ein glückselig Leben gewesen gegen den jetzigen Zustand, ob die Leutchen schon damals nicht die Hälfte gehabt haben, was die Leut — Gott gönn's ihnen — heutzutage haben, Gott soll es ihnen mehren und nicht mindern! In ihren Tagen und in den unseren möge Juda und Israel Hilfe und Erlösung kommen!