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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1905-01-01 · 2 (1905) · p. Seite 149

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Reihe. Erster Jahrgang (1905)
Issue
2 (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 149 (sequence 57)
Language
German
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— 149 — sich selbst nicht zu verstehen. Du kannst aber immer aufwachen, denn der Brief geht nun ohne Gänsefüsse auf seinen eigenen weiter. Könnte ich noch so viel Geistreiches über diese Materie predigen, so halte ich diesen Brief doch zu etwas besserem bestimmt, denn ich sage mit Voltaire: j'aime tous les genres, hors le genre ennuyant, worin auch Du wohl übereinstimmen dürftest, der Du von dem genre ennuyant, dieses genres sogar vielleicht die Fülle zu kosten bekommst. Unsrerseits wollen wir, lieber Freund, für unsre Epistolar- Oonferenzen ein für allemal das genre comique erwählen. Ich sehe nicht ein, warum wir nicht, wenn uns die Welt in ihrer dermaligen uns sichtbaren Phase nicht gefällt, dieses Ding von xocjaou, nach Belieben und Kraft der legitimen Souvcrainetät unsrer Phantasie, uns herumwenden, und die sämtlichen Creaturen in belustigendem Tanze auf. demselben herumspringen lassen sollen. In meinem Humor sind die Drähte dazu schon aufgezogen, so da3S Du schwerlich etwas Vernünftiges heute wirst zu lesen bekommen von mir. Mein Kopf will keine ernsten Gedanken fassen, oder vielmehr sie verwandeln sich in lauter Carricaturen, was ohne Zweifel aus einer krankhaften Sympathie mit der heutigen Congresspolitik herkommt. Es kommt mir nämlich vor, dass alle Dinge der Welt nur durch eine Art von demagogischen Umtrieben aus dem Chaos hervorgelockt worden sind; Vernunft, Weisheit, Schönheit, Tugend erscheinen mir als eben so viele constitutionelle Systeme, womit man diesen legitimen Urmonarchen in Fesseln gelegt. Der gute Alte will schlafen, sie lassen ihm aber keine Ruhe, und tanzen ihm auf der Nase, dass er unaufhörlich beschäftigt seyn muss, sie abzuwehren. — Willst Du mich wegen dieser Gedanken für einen Narren erklären, so denuncire ich Dich bei der heiligen Allianz und den „two Gentie men of Verona", die ganz die Tiefe derselben begriffen haben, und unmöglich zugeben können, dass ein obscurer College subalterner Schulmonarch in der Schlachterstrasse1) sich unterfangen wolle andre haben zu wollen. Es ist übrigens eine übertriebene Gutmüthigkeit von mir, solche lautere Weisheit in diesem Briefe auszukramen, wofür ich ja doch kein Honorar bekomme, geschweige berühmt dadurch werde. Besser wäre es, ich versparte diesen Gegenstand für eine zu druckende Abhandlung, in welcher ich sonnenklar beweise, dass die ganze Weltgeschichte illegitim und die Fortpflanzung der Menschheit, als entstehend aus einer geheimen Verbindung des Sans-culotismus und Descamisadismus fortan nicht mehr geduldet werden könne. Allein womit hätte ich alsdann 3*/2 Seiten dieses Briefes ausfüllen sollen. In dem ersten Briefe, den ich Dir nach Hamburg schreiben werde, und wozu ich hoffentlich noch im Laufe dieser Woche eine passende Stimmung abzulauschen so glücklich seyn werde, werde ich Dir sagen, wie von ganzem Herzen ich bin Dein treuer Freund Moser. l) in Hamburg.

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