Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Reihe. Erster Jahrgang (1905)
- Issue
- 2 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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mich nicht irre machen. Freilich ist es traurig im Alter gänzlich zu verarmen. So lange man aber noch sein Selbst bewahren kann, ist es kein Unglück zu nennen. Wäre es mir möglich gewesen, mich Heines Eichtling anzuschliessen, so stände ich jetzt anders. Das heisst ungleich besser . . Er war bestimmt für Andere und ich für mich selbst zu leben. Sagte ich ihm: „Es ist nun einmal meine Bestimmung," so lachte er und sprach: Das ist keine Bestimmung, das nenn' ich Schlemiehlichkeit". Im Jahre 1857 wusste er sich nicht mehr zu helfen und bat der nun 57jährige Mann wegen vollständiger Mittellosigkeit um Aufnahme im Werk- und Armenhause, wo er auf Anordnung der Polizeibehörde am 19. Februar 1857 recipirt wurde und welches er mit Genehmigung derselben erst am 8. Juli e. a. wieder verliess — Dank der menschenfreundlichen Bemühungen von J. F. Eichter, Eedacteur der Eeform und wie es heisst auch von Dr. H. Baumeister. Auch Heinrich Zeise, der noch unter uns lebende Dichter beteiligte sich an dem Eettungswerke und ich kann es mir erübrigen hier näher darauf einzugehen, da Zeise in seinem schätzenswerten Buche: „Aus dem Leben und den Erinnerungen eines norddeutschen Poeten. Altona 1888 sich ausführlich darüber verbreitet hat. — Das Aufnahmejournal des W. u. Armenhauses führt kurz an: Ursache der Aufnahme: Verarmung, Eeligion: von israelitischen Eltern geboren aber lutherisch getauft. Alter 57 Jahre. Wohnung: Johannisboliwerk 29, beim Gastwirth Baumgarten. Lebt in getrennter Ehe von der Schauspielerin Louise Amalie geb. Leuthold, z. Zt. in Bremerhaven engagirt. Ueber seinen Aufenthalt im W. u. A. Hause äussert sich ein Zeitgenosse: Am Sonntag und Mittwoch ist es erlaubt, einen Inwohner des Werk- und Armenhauses zu besuchen. Ich fühlte mich in der Seele des unglücklichen Schriftstellers gedehmütigt, als ich den Eaum betrat, in welchem er sich befand. Er hat kein eigenes Zimmer, sondern muss es mit 20 Personen teilen, worunter Einige krank sind. Mag der geistvolle Mann durch verkehrte Lebensweise sein Herabkommen veranlasst haben — diese sich selbst auferlegte Strafe ist zu hart. Dass er in seiner Busse ohne Hülfe gelassen wird, kann nur in Deutschland geschehen. In Hamburg, dem wohlthätigen,. gesinnungstüchtigen Hamburg, sollte auch ein versunkenes Talent nicht in solcher Umgebung gelassen werden, wo ein Aufrichten, ein neues geistiges Schaffen zur Unmöglichkeit wird. Der Schriftsteller im Werk- und Armenhause, der nur an sich selbst fehlerhaft handelt, gereicht uns keineswegs zum Lobe. Es. leben genug Personen unter uns, die Schiff's treffliche Novellen mit Vergnügen gelesen haben, ist ihnen der Verfasser nicht wert, dass sie ihn aus der auf ihm lastenden Schmach erlösen und den sich reich belohnenden Versuch anstellen, ihn der bürgerlichen Gesellschaft zurückzugeben? Er darf nur einmal im Monat aus-