Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Reihe. Erster Jahrgang (1905)
- Issue
- 2 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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— 130 — schiedenen Frau Dr. Schiff festzustellen und fragte wieder beim Senate an, ob ihre hamburgische Staatsangehörigkeit anerkannt werde. Da Hamburg am 21. Juli 1853 dem zwischen Preussen nnd mehreren anderen deutschen Begierungen, wegen gegenseitiger Verpflichtung zur Uebernahnie der auszuweisenden, geschlossenen Gothaer Vertrage vom 15. Juli 1851 beigetreten war, so wurde zugegeben, dass Schiff und seine Frau vorkommenden Falles in Hamburg aufgenommen werden müssten, aber ihre Heimatsberechtigung daselbst wurde nicht ausgesprochen. Sogar im December 1855 noch teilte der Senat der sächsischen Eegierung mit, Schiff werde wegen seiner Heirat in Skeuditz die preussische Staatsangehörigkeit besitzen. In zwischen war S. wieder nach Hamburg gekommen und wohnte im Rademachergang 10, wie er bei einer polizeilichen Vernehmung angab. Bei dieser gab er auch zu Protokoll, dass er sich von seiner Frau bald nach der Hochzeit getrennt und sie seitdem nur ein einziges Mal, vor nicht langer Zeit, auf der Strasse wieder gesehen habe. Leider waren alle Anstrengungen, die der gehetzte Mann machte sich ehrlich durchzuschlagen, vergebens, er vermochte nicht, mit seiner Feder so viel zu ei schreiben, dass er eine menschenwürdige Existenz führen konnte. Da mag er dann wohl manchesmal wenn er nichts zu essen hatte seinen Trost im Alkohol gesucht haben, was ihn allerdings mehr und mehr herunterbrachte. Er war so arm, dass er sich das zum Schreiben nötige Papier nicht kaufen konnte, so dass er seine Manuscripte auf Plakate und kleine Blättchen schrieb, die er in Wirtschaften sammelte, wo er auch seine Manuscripte anfertigte, ohne sich durch seine Umgebung stören zu lassen. Wer möchte unter solchen Umständen noch einen Stein auf diesen Mann werfen, der allerdings nicht immer auf ausgetretenen Pfaden wandelte, der aber trotz alledem den Stolz in sich trug, sich selbst forthelfen zu wollen und der sogar wie es von glaubhafter Seite verbürgt ist, selbst in seiner Not, immer noch bereit war, anderen wo es möglich war hilfreich zur Seite zu stehen. „Die Musen sind welk, alt und hässlieh geworden, man kann nicht mehr rür sie schwärmen. Man lebt nicht mehr für sie, man lebt von ihnen." So hat er sich einmal geäussert. Ihn hatten sie aber ganz verlassen. Und wenn man ihn später einen „vorkommenen Litteraten", „ein verbummeltes Genie" genannt hat, so kann man das nur mit Bedauern lesen, er war in Wirklichkeit ein bemitleidenswerter Mann, dem freilich als er erst im Sumpf sass, nicht mehr herauszuhelfen war, aber ihn noch mit Kot zu bewerfen, ihn, dessen Schriften die Anerkennung der Hervorragendsten seiner Zeit gefunden haben — den ein Campe seines Verlages würdigte, das hat er wahrlich nicht verdient. Noch im Jahre 1866 schreibt er, in all seinem Elend: „Ich darf mein Leben kein verlorenes nennen. Es gab Zeiten wo man mich beneidete — missbrauchte und plünderte. Ich aber Hess