Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Reihe. Erster Jahrgang (1905)
- Issue
- 1 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
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— 73 — noch immer verschleierte Braut ins Schlafgemach, wo sie ihr die- Kleider ablegen halfen. Kurz darauf brachten dahin die „Interfihrers" auch den Bräutigam. Dies hiess „Chussen in Kaie balejgen". Eine vorsorgliche Mutter versäumte nicht ins Kissen der Neuvermählten ein Stückchen Zucker und eine kleine Münze einzunähen, damit sie ein süsses und sorgloses Leben führe. Die meisten Gäste blieben noch bis in den späten Morgen hinein, und jedes suchte durch ,,a Tanz koifen" für einige Kopeken Trinkgeld an die Musik zu der allgemeinen Lustbarkeit beizusteuern. Am Morgen des der Trauung folgenden Tages versammelten sich bei der jungen Frau einige ältere Frauen, um sie „varsehlejern" zu helfen. Bei sehr frommen Leuten wurde ihr das Haar, und wenn es noch so üppig war, geschoren und durch ein auf den glatten Kopf gesetztes Seidengeflecht maskiert. Sonst setzte man ihr auf das sorgfältig * gekämmte eigene Haar eine mehr oder weniger kunstvoll gearbeitete Perücke auf. Letzteres ist bei frommen Leuten noch jetzt Sitte, aber mehr und mehr kommt das Tragen des eigenen Haares in Mode. War die junge Frau mit ihrer Toilette fertig, so fing das „Rimpeln" (Spazierengehen) an, oft mit Musikbegleitung. Die junge Frau stattete in Begleitung* ihrer weiblichen Verwandten der Mutter des Bräutigams und seinen Verwandten, dann den eigenen nicht erschienenen Verwandten Besuche ab. Von der Mutter des Bräutigams wurde sie mit dem „Schwiegerfluden" bewirtet. Gewöhnlich schlössen sich die Besuchten an die Besucher an und so wuchs der Zug von Besuch zu Besuch. Die Grossmütter legten bei dieser Gelegenheit die ihnen von der Braut geschenkten Hemden über der sonstigen Kleidung an und tanzten so auf der Strasse, was dem Zuge einen eigentümlichen Reiz verlieh. Endlich langte man wieder am Hause der Eltern der Braut an, und alle Verwandten kehrten zum „Schleierwaremes" ein. Nach dieser Mahlzeit zu Ehren der jungen Frau überreichten die nahen Verwandten den Neuvermählten Geschenke, die „Guljaschtschina" (vom russ. guljatj lustig sein) hiessen. Die Neuvermählten blieben und bleiben oft auch jetzt noch „of Kest" bei den Eltern der Braut. Diese freie Beköstigung dauert nicht selten mehrere Jahre; während dieser Zeit richten die jungen Eheleute sich ein Geschäft ein und, da sie keine Ausgaben haben, sparen sie Geld, für den künftigen Kampf ums Dasein eine grosse Stütze. Nach Ablauf der Kostzeit bei den Eltern der Frau zogen die jungen Leute nicht selten „of Kest" zu den Eltern des Mannes. Am nächsten Samstag erscheinen die beiderseitigen Verwandten und viele der zur Hochzeit geladenen Gäste „Chussen in Kaie in Schil aranfihren". Zuerst gehen die Männer mit dem