Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Reihe. Erster Jahrgang (1905)
- Issue
- 1 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
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— 70 — dem Zerdrücken eines Gläschens, das der Schammes unter den Absatz des Bräutigams stellt. Die Neuvermählten begeben sich, begleitet von der Musik und den meisten der Anwesenden ins Hochzeitshaus. Mittlerweile ist es Nacht geworden, und die Neuvermählten haben das dringende Bedürfnis, ihren Hunger zu stillen, denn sie haben den ganzen Tag gefastet. Der Trauungstag, an dem der wichtigste Akt im Leben des Menschen vollzogen wird, ist ein strenger Fasttag für die Brautleute. Hier, sowie in manchen anderen Bräuchen tritt die ganze Eigenart in Handlungs- und Denkweise der Juden wieder klar zu Tage. Denn dort, wo andere sich über wichtige Lebensfragen durch Berauschung bequem hinüberzusetzen suchen, verfährt der Jude ganz umgekehrt, indem er durch Kasteiung den Ernst der Situation noch verschärft. Nicht übermütige Lust erfüllt den Juden an seinem Hochzeitstage, sondern das ernste Bewusstsein der neu hinzutretenden Pflichten. Nachdem die Neuvermählten vod den Strapazen des Tages sich etwas erholt haben, kredenzen ihnen die Sarwerns „die goldene Juch" (Bouillon), zu der gewöhnlich „Mandeln" aus Teig gehören. Auf dem Wege von der Synagoge zerstreuten sich die meisten in ihre Wohnungen, auch gehen die Eltern und Verwandten des Bräutigams nach Hause, um auszuruhen, Toilette zu wechseln und neue Kräfte für den bevorstehenden Hochzeitsschmaus, „Chipewetschere", zu sammeln. Nach etwa l—2 Stunden fangen die Gäste an, sich wieder um die Neuvermählten zu scharen. Jeder Neuankommende, besonders wenn er zu den Verwandten des Bräutigams gehört, wird von der Musik mit einem „Vivet" empfangen und von der Mutter der Braut mit Händeklatschen und einem mehrmaligen lauten „Skotzelkimt" (s' Gotts Willkomm!) begrüsst. Bei dieser Gelegenheit überreicht die Mutter des Bräutigams der Braut ein „Skotselkimtfingerl". Der eigentliche Trauring war samt dem Finger mit einem weissen Taschentuch auf drei Tage umbunden worden. Nachdem die Neuvermählten die goldene „ Jüch" gekostet haben, reichen die Sarwerns allen Gästen davon, wofür sie beschenkt werden. Zu armen Leuten, die reiche Verwandte hatten, gingen die Sarwerns nicht selten unentgeltlich, auf diesen Verdienst bei der Darreichung der goldenen „Juch" hoffend. Etwa um 10 Uhr wurden von den Synagogendienern die Tische gedeckt, und es wurde das Abendessen serviert, wobei die Männer, wie immer, von den Frauen getrennt speisten. Starkes Nötigen seitens der Eltern der Braut gehörte dabei zur guten Sitte. Auch hier wurden die Sarwerns beschenkt. Die Sitte räumte ihnen das Recht ein, an verschiedenen Ecken des Tisches Teller aufzustellen, in die die Gäste kleine Münzen warfen. Dasselbe Recht hatten auch die Synagogendiener. Zum Schlüsse des