Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Reihe. Erster Jahrgang (1905)
- Issue
- 1 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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— 64 — Am Montag veranstalteten die Eltern der Braut eine Urrnmuhlzeit, ein Mittagessen für die Armen. War die Braut kuscher; d. h. rituell rein, welcher Zustand nach rabbinischer Vorschrift erst 14 Tage nach Anfang der Menses eintritt, so führten sie ältere Frauen in die Mikwe, das rituelle Bad, wo man die künftige Frau in die Geheimnisse des Ehelebens einweihte und sie über ihre Pflichten in Beziehung auf Sitte und Moral unterrichtete. Auch dies geschah oft in Begleitung von Musik, die im Nebenzimmer lustige Weisen spielte, wobei die älteren Frauen tanzten und nicht selten so lange tranken, bis sie einen Rausch weg hatten. Abends versammelten sich wieder bei der Braut ihre Freundinnen und ältere Frauen, und man tanzte etwa bis 10 Uhr. Dann verliessen sie das Haus. Nun schickte man die Musik zu dem Bräutigam und seinen Eltern. Auch beim Bräutigam waren an diesem Abend seine Freunde versammelt, und die ganze Gesellschaft begab sich zur Braut, wobei man ihnen mit Lichtern entgegen kam. Die Gäste nahmen an den bereit gestellten Tischen Platz, und ein opulentes Abendmahl fand statt. Dabei suchte man die Gäste so zu arrangieren, dass die Brautleute sich gegenseitig anschauen konnten. Nach dem Abendessen forderte der Badchen die Brautleute zum Tanz auf. Sie folgten dieser Aufforderung, indem sie beide, je einen Zipfel eines Taschentuches haltend, unter den Klängen eines Marsches um die Tische herumgingen. Zuletzt schrie der Badchen: „Schabbes far Chussen in Kalle, Schabbes", und gab die Erklärung, dass das Wort sabbat, das eigentlich Ruhe bedeutet, aus den Anfangsbuchstaben der Werte sekhar Ibadchan ten, die „gib dem Badchen den Lohn", bedeuten, zusammengesetzt sei. Nach dem Abendessen begleitete man den Bräutigam nach Hause, wie überhaupt die gute Sitte forderte, dass der Bräutigam am Tage vor der Trauung nicht allein ausgehe. Dieses Fest heisst Chussenmuhl, es entspricht dem Polterabend bei anderen Völkern und wurde immer am Vorabende der Trauung gefeiert. Es galt als gutes Werk, das Vorspiel und das Chussenmuhl, besonders bei Waisen, mitzumachen. War der Bräutigam aus einer anderen Ortschaft, so kam er gewöhnlich Tags zuvor zur Hochzeit. Die Eltern und Verwandten der Braut, von seiner bevorstehenden Ankunft benachrichtigt, fuhren ihm einige Werst entgegen und begleiteten ihn in die Stadt, wo schon Wohnungen für ihn und die Seinigen vorbereitet waren. Die Kosten des Aufenthaltes für ihn und alle seine mitgenommenen Verwandten trug der Vater der Braut, deren Verwandte ihr in solchen Fällen damit gefällig zu sein suchten, dass sie die Verwandten des Bräutigams in Logis nahmen. Nicht selten fuhr man vor dem Absteigen mit dem Bräutigam und den Seinigen einige Mal um den Marktplatz herum. Man gewährte dem Bräutigam nur