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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1905-01-01 · 1 (1905) · p. Seite 62

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
Neue Reihe. Erster Jahrgang (1905)
Issue
1 (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 62 (sequence 66)
Language
German
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— 62 — An dein der Trauung vorangehenden Samstag war beim Bräutigam Ifrifinesch. Sobald der Bräutigam morgens in die Synagoge kam, wurde er, auch wenn er zu dem Aermsten gehörte, von jedermann begrüsst, und man räumte ihm einen Ehrenplatz an der Ostwand ein. Er wurde zum Thoralesen aufgerufen, wobei seinen Eltern das ehrenvolle Recht der Verteilung der einzelnen Thoraabschnitte, das sonst dem Synagogenvorstande gehört, übertragen wnrde. Beim Aufrufen des Bräutigams warf seine Mutter durch das Gitter, das die Frauenabteilung von derjenigen der Männer trennt, zum grössten Gaudium der Kinder Nüsse und Bonbons in den Männerraum. Nach dem Gottesdienste ging man ins Haus des Bräutigam „of Leikech (Kuchen) in Brunfen (Branntwein)". Nach dem Mittagessen kamen zum Bräutigam seine Kameraden, man trank und sang und suchte auch sonst die Zeit lustig zu verbringen. Abends schickte die Braut dem Bräutigam durch die Sarwerns „a Kaphuhn in a Fannkichen", wofür der Bräutigam ihnen ein Trinkgeld geben musste. Die jungen Leute hatten sich nun wieder versammelt und suchten „dem Chussen (Bräutigam) die Hant upkoifen", d. h. sich mit einem Platz in seiner Nähe am Tische zu versorgen, wobei die Plätze versteigert wurden und der erste Platz zur Rechten des Bräutigams am teuersten bezahlt wurde, dann folgte der erste zur Linken u. s. w. Das auf diese Weise gesammelte Geld wurde hauptsächlich an Arme verteilt oder dem Vater des Bräutigams im Falle der Bedürftigkeit zur Deckung der ihm entstehenden Hochzeitskosten eingehändigt, auch wurde ein Teil den Sarwerns gegeben. Zur selben Zeit fand im Hause der Braut das sogenannte Vorspiel1) statt. Nachmittags versammelten sich dort ihre Jugendfreundinnen in Begleitung der Mütter, und man tanzte vergnügt bis in die späte Abendstunde. Reichere Leute erlaubten sich dabei, christliche Musikanten zu dingen, sonst machten ältere Frauen mit Waschbläuel und -rolle nichts weniger als angenehme Musik. Nach Sonnenuntergang erschien dann die vorher bestellte jüdische Musik. Wenn die Mädchen des Tanzens satt waren, zerstreute sich die Gesellschaft. Die Eltern und nahen Verwandten der Braut begaben sich dann samt Musik zum Bräutigam, wobei manchmal auch die Braut mitgehen durfte. Dort herrschte die ausgelassenste Fröhlichkeit bis spät in die Nacht hinein. Wie hier beim Bräutigam, so suchte der Badchen auch beim Vorspiel bei der Braut durch Witze, drollige Erzählungen und Improvisationen des Publikum zu ergötzen. Am folgenden Sonntag hatte der Badchen das Amt, auf einem Präsentierteller die von der Braut augefertigten Hemden an die Grossmutter, die Hebamme, Amme u. dgl., oft in Begleitung von *) Auch „dobra nitsch" d. h. gute Nacht, genannt.

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