Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Reihe. Erster Jahrgang (1905)
- Issue
- 1 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 59 — Eine jüdische Hochzeit in Südrussland. Von Dr. S. Weissenberg, Elisabethgrad. Von allen Feierlichkeiten hat bei den südrussischen Juden die Hochzeitsfeier am meisten von ihren charakteristischen volkstümlichen Besonderheiten eingebüsst. Die Hochzeit wird jetzt auch bei den ärmsten Leuten meistens nur nach allgemein europäischer Schablone gefeiert, selbstverständlich bis auf die Besonderheiten des religiösen Aktes. Einer echt volkstümlichen nach allen weiter unten geschilderten Details durchgeführten Hochzeit hatte ich Gelegenheit vor etwa 25 Jahren beizuwohnen. Seitdem verschwand ziemlich rapide ein charakteristischer Zug nach dem anderen und zwar waren es nicht innere, sondern eher äussere Umstände, die den Lustbarkeiten bei Hochzeits-, sowie auch anderen Gelegenheiten gewisse Schranken setzten. Von allergrösster Bedeutung waren in dieser Beziehung die Judenverfolgungen während der achtziger Jahre, welche die Volkseele mit Schwermut belasteten. Auch riet das Gefühl der Selbstachtung und der Selbsterhaltung, von jedem Strassenumzug Abstand zu nehmen, um nicht von der andersgläubigen Bevölkerung verhöhnt und vergewaltigt zu werden. Hauptsächlich spielten diese Motive eine Rolle in den Städten, da auf dem Lande die gegenseitigen Beziehungen besser waren und sind. Zuerst liess man also von den Strassenumzügen mit Musik und zuletzt wurde dem offiziellen Spassmacher, dem Badchen, der die Seele des Ganzen war, der Garaus gemacht. Kindern, die das heiratsfähige Alter erreicht haben, sucht die Mutter während des Essens immer den Brodanschnitt zu geben, wohl in der Absicht, sie mit dem letzten Stücke Brot auf immer vom elterlichen Hause zu entfernen und zur Gründung eines eigenen zu bewegen. Ein viel rationelleres Mittel aber, für heiratsfähige junge Leute entsprechende Partien zu finden, ist, mit dem Schadehen (Ehevermittler) Rücksprache zu nehmen. Jedes Städtchen zählt unter seinen Bewohnern einige Berufsschadehonim, die über die heiratsfähige Jugend genau Buch führen, mit den Schadchonim der nahe- und fernliegenden Orte in Korrespondenz stehen und gewöhnlich nicht warten, bis man sie ruft, sondern selbst mit verschiedenen Vorschlägen ins Haus kommen. Gefällt den Eltern eine vorgeschlagene Partie, so vergewissert man sich durch Verwandte und Bekannte über die Familien-, Vermögens¬ und GesundheitsVerhältnisse der betreffenden Personen. Auch erkundigt man sich nach dem Namen der künftigen Schwiegertochter, und ist derselbe mit demjenigen der Schwiegermutter identisch, so