Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Reihe. Erster Jahrgang (1905)
- Issue
- 1 (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2638044-2638045-2638046--0025-2638213- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 21 — Heinrich Joachim bis zum Jahre 1858. Ein nun immer mehr sich" steigendes Augenübel nötigte ihn, das anstrengende Gravieren endlich ganz aufzugeben. Er übersiedelte darauf nach Paris, wo er bis zum Jahre 1870 verblieb. Als im genannten Jahre die damals gegen die Deutschen herrschende Gehässigkeit der .Franzosen ersteren den Aufenthalt in der Seinestaclt verleidete und die Deutschen in Scharen auswanderten, verliess auch S. die Stadt Paris und übersiedelte nach England, wo er (1879) noch zur Stunde lebt. Johann Steinschneider (geb. in Wien im Jahre 1824) ist ein Sohn des oben erwähnten Jacob, der ihn der Kunst widmete, welche er selbst mit so grossem Geschicke ausübte. Im Jahre 1840, damals 16 Jahre alt, bezog er die k. k. Akademie der bildenden Künste. Nachdem er aber im Jahre 1838 bereits seinen Vater durch den Tod verloren hatte, nahm sieh sein vorgenannter Oheim Heinrich Joachim des Jünglings an und bildete ihn in der Kunst der Steingravierens aus. In Folge angestrengter Arbeit aber musste er den Besuch der Akademie aufgeben. Später begann er selbständig zu arbeiten und übte bis zum Jahre 1873 seine Kunst aus, in welchem Jahre er wegen zunehmender Schwäche seiner Augen jede weitere Arbeit einstellte. Von Johann siud mehrere Gemmen und Cameen mit figuralisehen Darstellungen bekannt, welche er meist als Andenken für seine Freunde fertigte und worin er einen hohen Grad von Künstlerschaft beurkundete. Herausgeber dieses Lexikons sah selbst etliche derselben und staunte, Avie S. oft auf dem kleinsten Räume so Ausgezeichnetes leistete, dass man erst mit der Lupe die hohe Vollendung der Arbeit wahrnehmen und bewundern konnte. So z. B. war eine nicht einen halben Zentimeter grosse Gemme mit der Darstellung o eines Esels in ganzer Figur ein wahres Meisterstück der Gravierkunst.lieber einen anderen, etwas früheren galizischen Steinschneider äussert sich Rohrer (a. a. O. S. 111t): „Dass aber von Natur der Jude so gut wie jeder andere Mensch mit Kunstfähigkeit ausgerüstet ist. und dass es nur an ihm liegt, diese zur Kunstfertigkeit zu erheben, dieses beweiset unter andern die Geschicklichkeit im Petschiersteehen, welche man bey mehrern Individuen der jüdischen Nation antrifft. Alles, was ich noch in dieser Hinsicht bisher irgend sah, übertrifft ein, von einem galizischen noch (1804) lebenden Juden Wolf Schaje Finkeiste ine r zu Rzezowr verfertigter Petsclrierringy in welchem derselbe einen beynahe nakten Gefangenen in gekrümmter Stellung seine gefesselten Hände gegen den Himmel ringend, darstellt! So viel Ausdruck in allen Gliedern, so viele Zartheit des Gefühles in dem Gesichte des Leidenden hatte ich in einer so kleinen, feinen Arbeit, bis auf jenen Augenblick kaum mir zu denken vermocht! Dieser Jude ist es auch, welcher wegen seines besonderen Kunstgefühles von dem gegen-