Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 23 (1937)
- Issue
- 46 (31.12.1937)
- Date
- 1937-12-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSE Nr;. 46! &i§i## Von Dr. Isaac Breuer. IV. Ein 1׳ r i 11 e r A u sv w e g. Es gibt noch ein anderes Söhlägwort. das der Trägheit ejneir bettuemen Ausweg verheißt: Trennung von Staat und Kirche. Und wenn sich dieses Schlagwort gar noch mit dem Schiägwort von der Gewissensfreiheit verbinde^ so hätten wir jti beinahe so; etwas wie. ein’ Programm.'׳ Dieser Ausweg ist der allerschlimmste, Mit unsäglicher Leichtfertigkeit identifiziert es die Volksgemeinschaft der Thora mit der Religionsgemeinschaft der Kirche und treibt , den Thoragegnern damit brausendes Wasser in ihre Mühlen. Was gehört zum Staat und was gehört zur Kirche? Wer entscheidet darüber? ln Westeuropa weiß man genauen Bescheid. Alles, was bereits oben über Sabbatgesetz und Eamilienwcsen gesagt wurde, findet hier erst recht Anwendung; Familienwesen und Erziehungswesen fielen gänzlich an den Staat, und uns bliebe allenfalls noch, in den Bethäusern und Lehrhäusern und privaten Religionsschulen, das Recht zu eigener Schechita. Unbewußt versteckt sich auch hinter diesem Schlagwort die Forderung, daß es auch im neuen Staat unabhängige Gemeinden geben möge. Wem sich aber die Problematik des neuen Staates in dieser Forderung erschöpft, der hat nicht einmal das Wesen dieser Forderung selber begriffen. Aus dem Bewußtsein der unzerstörbaren Thora-Einheit der gesamten Judenheit und der daraus sich ergebentleii gesamtbürgschaftlichen Verantwortung ist die Forderung nach Unabhängigen Gemeinden erwachsen. Nicht aber sollten unabhängige Gemeinden die Flucht in Verantwortungslosigkett bedeuten. Es mag sein, daß im Laufe des Vcrfassungskampfes um den neuen Staat etwas Aehnliches, wie Trennung von Staat und Kirche, in Erwägung gezogen wird. Aber nicht eher, als bis man Paragraph für Paragraph um Vcrlassungs- . entwürfe gerungen hat, die der Thora die Herrschaft nicht durch ein Schiägwort, sondern mit Hilfe ernster, wissensehnftlich und technisch ausgearbeiteter und präzisierter Vorschläge sichern wollen, und auch nicht eher, als bis man Paragraph für Paragraph die Kompetenzabgrenzting zwisehen Staat uiul Kirche der genauesten Klärung entgegengeführt hat. Geschieht dies aber, so hat ^lic Trägheit dabei wahrlich nichts zu gewinnen. V. D er Wo g. Selbst wenn das jüdische Volk der Gegenwart in seiner überwältigenden Mehrheit in Treue der Thora anhinge, würde die Errichtung des Galutli-Judenstaates seine Führer vor schwerste Aufgaben stellen. Die Anerkennung der Thora als Staatsgrundgesetz wäre alsdann freilich nicht zweifelhaft. Aber zwischen der Zeit, da die Thora zuletzt Staatsgrundgesetz war, und der Zeit, da sie es wieder werden möchte, liegen — zweitausend Jahre. Das sagt alles. Methodisch aber ist es unerläßlich, daß die Autoritäten der Thora sich auch heute, da leider das jüdische Volk in seiner Erziehung zur Thora gespalten ist, zunächst einmal Klarheit darüber schaffen, wie die Konstitution des Galutli- Judenstaates auszusehen hätte, und wie das geltende Recht der Thora auf das jüdische und gesellschaftliche Leben des Staates zu erstrecken wäre, wenn die Treue des jüdischen Volkes zur Thora außer, jedem Zvvcilel stünde. 1. Welche Staatsform käme in Betracht? 2. Wie hätten die gesetzgebenden Organe auszusehen? 5, In welchem Umfange stünde den gesetzgebenden Organen die Kraft und der Erfolg Von Gesetzen aus Ver- Ordnungen zu? Ergänzender Art und auch, zumal aul dem Gebiete des Zivilrechts und der Zivilrechtstechnik, ubündernder Art? Wie vor allem auf dem Gebiet des Stratrcchts und des Strafprozesses? Wie ist cs mit den heutigen, in ihren Grundzügen fast internationalen Instituten des Handelsrcchts? Wie mit dem Arbeitsrecht? 4. Wie stünde es mit der Gerichtsverfassung? Qualifikation zum Richtcramt? Zivilprozeß und Strafprozeß'. Berufung und Revision? 5. Die Beziehung des Sabbat zum öllentlichen Leben in seinen Einrichtungen? Elektrizitätsanlagen? Eisenbahn. Polizeiwesen?. Militärvvcsen? Post und Telegraphie? 6. Stellung des Nichtjuden im jüdischen Staat? Dies sind wirklich auch nur, bei weitem nicht erschöpfend, einige Ueberschriften. Aber Ucberschrilten liir schwerste und höchste Hingebung erfordernde — Arbeit. Wird sie nicht geleistet, so kennen wir nicht einmal das Soll des Galutli-Judenstaates und sind letzten Endes verhandlungsunfähig. Es. darf nicht sein, daß uns unsere Gegner gewissermaßen auf Schritt und Tritt vor lauter ungclöste Fragen stellen und damit unseren ganzen grunclsatzliehen Standpunkt geradezu ad absurdum führen können. Mit unserer unverkürzten Forderung aul Anerkennung der Thora als Recht des Staates haben wir hcrauszutreten, haben aber, soll nicht eine wahre Schmach der Thora vermieden werden, dabei zugleich zu zeigen, daß unsere Autoritäten sich völlig darüber klar sind und sich darüber auszuweisen vermögen, wie sich unsere Forderung, zum mmdesten in allen G1 undzügen, praktisch auswirkt. Nur so kann unsere Forderung überhaupt ernst genommen werden, weil sie alsdann keine leere Demonstration ist, die mau aul Seiten der Gegner zu den Akten legt und aut unserer Seite zu großen propagandistischen — Zeitungsartikeln verwertet, sondern sich durch gewissenhafte und höchst nuinevolle."Arbeit ־legitimiert, die überhaupt erst eine wirkliche Diskussion ermöglicht und erzwingt, bei der sich dann 11eruusstelleu wird, was davon bereits heute erreichbar ist und was־ den Kämpfen der Zukunft überlassen werden mul״ - Wir haben' im Heiligen Lande und wohl auch anderwärts' längsteine׳ Autoritäteukrise. Nicht etwa, weil das Volk sich dem Spruch der Autoritäten nicht beugen mochte, sondern weil die Autoritäten entweder überhaupt schweigen oder;sich mit Ueberschriften begnügen.. Die dringende Gefahr besteht, daß diese Krise angesichts des kommenden Staates eine furchtbare Steigerung erfahren konnte. Venn die Scheu vor Entscheidungen und die T lucht ms bchla&- wort anhält, lassen die Folgen sich schlechterdings nicht 11be1aDie״We titln l)Csil/t oin Kollegium von Autoritäten. Wenn' dieses Kollegium nicht jetzt, angesichts des nahenden Galutli-Judenstaates, eine wahrhaft l leberhalte Iat10ke1t entwickelt und mit einem Programm hervortritt, das tut Beziehung der Thora zum Galutli-Judenstaat in allen grundsätzlichen Fragen klärt und uns damit die Wallen 111 die Hand gibt für die Verwirklichung der Herrschaft der Tliöra iin Galutli-Judenstaat, nicht nur mit Schlagworten, sondern mit konkreten Anträgen kämpfen zu können, um dermaßen für die Herrschaft der Thora das größte Maß des : ״ Sie können nicht an Grippe erkranken, wenn Sie rechtzeitig den Alpa-Franzbranntwein verwenden. Zum;Mundausspülen und Gurgeln: Einige Tropfen ins Wasserglas genügen. Alpa desinfiziert die Atmungsvvege und erfrischt angfenehm. Zu Massagen: Alpa-Massagen stärken -den Körper und härten ihn ab. Sie machen den Organis-!mus gegen Ansteckung und Verkühlung widerstandsfähiger. Fragen S'e Ihren Arzt! Achten Sie daher beim Einkauf darauf, daß Sie wirklich Alpa bek׳unmej1. heute Erreichbaren zu erstreiten, so wird selbst die agudis tische Welt erkennen, daß »dt Ende auch dieses Kollegium selber nur ein— Schlagwort ist. Nur mit einem solchen Programm, dem Ergebnis mühevoller und gewissenhafter Arbeit, kann die Agnda getrost auf die Zustimmung eines überaus beträchtlieheu Teiles des jüdischen Volkes, auf ein starkes Echo in der gan- , «'יי jüdischen öffentlichen Meinung rechnen. Arbeit imponiert immer.; . Dieses Programm hat sich auf das ganze Staätsvolk *des Galutli-Judenstaates zu erstrecken. Darum werden dafür weiteste Kreise des jüdischen Volkes, weit Tiber den Rahmen der organisierten Orthodoxie hinaus, gewonnen werden können. Erst im Laufe der Verhandlungen auf Grund des Progratnmes wird sich erweisen, welche Teile des Programmes bereits heute für das ganze Staatsvolk in Kraft gesetzt werden können, welche Teile des Programmes nur für solche Teile des Staatsvolkes, einstweilen, Geltung gewinnen werden, die sich zur Tlioratreuc bekennen, und welche Teile des Programmes überhaupt den Kämpfen um die Gestaltung des Staatswescns überlassen bleiben müssen. Damit allein wäre die wirkliche Beziehung zwischen dem idealen Sollen und dem idealen Sein für den Galutli-Judcnstaat unserer Tage geklärt. Der agudistische Rabbinische Rat muß die Führung in die Hund nehmen. Die Geltung seines Vorsitzenden ist in der jüdischen Welt unumstritten. Das ist ein Kapital von unschätzbarem Wert. Unter den Auspizien dieses Rates muß im Heiligen Lande selber unverzüglich eine ohne jede Engherzigkeit zusammengesetzte Kommission in Tätigkeit treten, in der die Tliora wie die Wirklichkeit, das Wissen wie die Technik vertreten sein muß״ Diese Kommission hat mit einem Ausschuß des aguclistischen Rabbinisclien Rates, unter Leitung seines Vorsitzenden, in steter Fühlungnahme zu stehen. Auf Grund der Vorarbeiten der Kommission entscheidet der Ausschuß. Für ein dermaßen zustande gekommenes Programm brauchte uni seine Beachtung'keine Sorge getragen zu werden. Viel tiefer ist, auch heilte noch, die Thora in den Herzen unseres Volkes verwurzelt, als es vielfach den Anschein hat. Aber freilich: Die Thora muß reden. Im Heiligen Lande verbreitet sich allmählich unter dem lähmenden Eindruck, daß Ernstliches überhaupt nicht geschieht, eine wahre Panikstimmung. Die Verantwortung• hierfür lädt raun, keineswegs ohne Grund, der Aguda auf. Man weiß, daß die Agnda, wenigstens einstweilen, kein Geld hat. Hat sic, so fragt man, auch keine Tliora? Keine redende Tliora? Gewissensfreiheit —; ־Trennung von Staat und Kirche — Soiulergemeinclen —: ist das alles? Ist das die Sprache der Thora? So fragt man irn Heiligen Lande. Die Antwort mag• der Rabbinische Rat der Weltaguda geben. Es ist die höchste Zeit! Dringend. werden die geehrten Abonnenten der »Jüdischen Presse« ersucht, ihre Rückstände zu begleichen, sowie das Abonuenient per 1938 erneuern zu wollen, damit in der Zu- Sendung des Blattes keine U111 e 111 ׳ r c c 11 u 11 g e i 111 r i 11., fm₪₪₪^₪mm₪₪ma^₪M₪₪₪₪₪₪₪m :__—-1+*—.—-—:—!—:- 0ie 'Eliichllingstvagß Internationale Flüchtlingfikonferenz in Amsterdam. In Anwesenheit des' Oberkommissärs* des Völkerballdes für das Fliichtlingswesen, Sir Neill Malcolm, fand in Amsterdam unter Vorsitz von Prof. Dr. D. Cohen eine Tagung׳ der zur lUnterstützung־ des Oberkommissars eingesetzten Kommission statt. ln der Kommission sind insgesamt 25 Organisationen aus verschiedenen Ländern vertreten, deren Tätigkeit sich auf ■die Fürsorge für die verschiedenen Gruppen.der aus Deutschland Ausgewanderten erstreckt. Der Tagung' wohnteil Vertreter von etwa 20 Organisationen bei. Die Agiulns Jisroel war durch Dr. Maximilian Landau vertreten. Die wichtigste Aufgabe der Konferenz war die Vorbereitun״^ der internationalen Regier ungskonferenz, die zum 7. Februar 1938 vom Völkerbund nach Genf zur Regelang der internationalen Stellung' der aus Deutschland . Ausgewanderten einberufen ist. Im übrigen wurden die Fragen besprochen, die mit der jüdischen Emigration Zusammenhängen, und die Berichte deü verschiedenen Organisationen über den Zustand der aus Deutschland Ausgewanderten in den verschiedenen Ländern behandelt. Der Konferenz war ferner ein Telegramm des von Dr. Nathan Birnbaum begründeten »־Jüdischen Volksdienstes« angegangen, der angesichts des dringenden jüdischen Auswanderungsbedürfnisses, das auch bei der mit allen Kräften anzüstrebenden Erweite- Hing der EinWänderiingsmöglichkeiten in Palästina nicht annähernd befriedigt, werden könne, die Aufmerksamkeit der Konferenz auf die Notwendigkeit der Bereitstellung geeigneter geschlossener Siedlungsgebiete für diJC Aufnähme der jüdischen Emigration und deren einheitlicher Organisierung lenken will. Die ersten Fliichtlingspässe. Als erster der Staaten, die die Genfer Konvention über Schutz der Flüchtlinge unterzeichnet haben, stellt jetzt Frank reich den Flüchtlingen Pässe aus. die als internntional anerkannte Reisedokumente gelten. Der Flächtlingspaß trägt die Ueberschrift: »Certificat d’identite et de voyage pour les refugies provenant d’Allemagne (application de {leeret du t". IX. 1936)«. Beim französischen fnnenministeriuni wurde ein »Comite Consultatif« eingesetzt, dem Vertreter der verschiedenen!Richtungen innerhalb der Emigration, der Hilfskomitees und anderer maßgebender französischer Organisationen angehören. Das Komitee wurde anfangs vom ehemaligen Berliner Polizei- Präsidenten Albert Grzesinski geleitet, dem der ehemalige französische Deputierte Paul Perrin gefolgt ist. Es hat seine Arbeit im wesentlichen beendet. Das P4MsUka4kaCtm Der Teilungspian bleibt. Das Londoner Kolonialamt dementiert die Mitteilun- ״eil des Dr. S. Wise, Präsidenten des American Jewisli Congress, wonach der Teilungspian fallen gelassen worden ist, uncl bezeichnet diese Mitteilungen als ieder Grundlage entbehrend. Die neue Untersuchiingskommission. 111 der Unterhausdebatte am 22. Dezember fragte Abg. GeoFfrey •Mander den Kolonienminister. wann sich ■ die neue ׳Untersuchiingskoininission nach Palästina begeben werde und welche Schritte unternommen werden, um die neue, vom Völkerbundsrat autorisierte Politik fortzusetzen. Minister Ormsby-Gore erwiderte: Ich hoffe in kurzem in der Lage zu sein, über den genauen Charakter und den Aufgabenkreis der neuen Kommission Mitteilung zu madien. Die Entsendung •der Kommission nach Palästina wird keinen unnötigen Aufschub erleiden. Inzwischen bereitet die Palüstinnregierung die nötigen Unterlagen vor. Modifizierung des englischen Palästinaplaiies. Die britische Regierung hat, wie der diplomatische Korrespondent des »Daily Telegraph« berichtet, Anweisungen an die Kommission, die demnächst nach Palästina gehen soll, fertiggestellt. Es scheint sich hiebei liefauszustcllcn, daß die Regierung heute nicht mehr'mit solcher Entschiedenheit für die Empfehlungen des Peel-Berichtes eintritt, als dies noch bei der großen Palästinadebntte im Unterhaus der Fall war. Seitdem ist der Aufteilungsplan für Palästina teilweise mit großem Erfolg' zum Ausgangspunkt einer antibritischen Propaganda im Nahen Osten benutzt worden, ein Faktor, der anscheinend die englische Regierung zu einer ־ Modifizierung ihrer Politik bestimmte. Wenn ursprünglich daran gedacht wurde, daß die zweite Palästina-Kommission sich lediglich zu dem Zwecke nach dem Heiligen Lande begeben sollte, um zu Detailfragen des Peel-Planes Ergänzung«- Vorschläge zu machen, so sind offenbar jetzt die Vollraachten für die Kommission bedeutend erweitert worden. Eine Revision des Peel-Planes selbst scheint damit in den Bereich der Möglichkeit gerückt zu sein. Wie verlautet, sollen die Instruktionen der Regierung an die neue Palüstinakoinmission in der Form eines Briefes an den britischon Hochkommissar in Palästina gekleidet sein und Mitte nächster Woche als Weißbuch veröffentlicht werden. ft »Evening Standard« schreibt, daß die britische Regierung sich nicht mehr darüber einig sei, ob Palästina geteilt werden soll. Eine einflußreiche Gruppe des Foreign Office habe erklärt, der Widerstand in der mohammedanischen!Vapoleon und Gliuhu. Hanowi (Eine ostjüdische Legende.) Bearbeitet von J. K 1{ e p p e 1. Die »Große Armee«, mit der Napoleon I. dus russische Reich aufs Knie zwingfen wollte, ist vom »General M1־oz«, vom strengen ־-.russischen Winter, besiegt worden. Was Kälte, Hunger, Strapazen und Entbehrungen noch ain!.eben ließen, fiel den Kosaken in die Hände und wurde aufgerieben. Der mächtige Franzosenkaiser, der eine halbe Welt besiegte, wunderte als Flüchtling über die weiten Steppen des Zarenreiches, nur von einer kleinen Gruppe seiner Adjutanten begleitet. In einen schweren Pelz und in eine Riescubüreiuniitze gehii 11t, in großen Stulpstiefeln sich kaum schleppend — in diesem Aufzug konnte kein Mensch den Kaiser der Franzosen erkennen. 1Ruhelos, sich kaum Rast gönnend, zog Napoleon gegen Westen. Mit zusammengebissenen Zähnen trotzte er allen Strapazen — er hatte nur ein Ziel: so bald als möglieh dieser Hölle zu entrinnen. Dennoch dauerte es Wochen und Wochen, bevor er die Eissteppen des weiten Russenreiches hinter sich hatte — und gerade kurz vor dem Ziele drohte eine neue Gefahr: Ueberall lauerten Kosnkenscharen! Sie hatten davon Wind bekommen, daß!Napoleon sich noch in Rußland befindet, und verlegten sich darauf, ihn als Gefangenen dem Zaren präsentieren zu können.!Nun liieß es, doppelt vorsichtig sein. Die offenen Straßen mußten gemieden werden. Auf Schleichwegen, •durch Wälder, mußten die letzten Etappen zuriickgelegt werden. Oft das auch nur während der Nächte — bei Tageslicht war man auch in den Wählern nicht sicher. Und so kam es denn, daß der Kaiser und seine 1Begleiter während einer Naclitwanderung den Weg verloren und in einem Wald heruuiirrten, ohne eine Richtung, ein Ziel vor Augen zu haben. Stundenlang schleppten!sie sich hin, immer im Kreise herum, von dichter Finsternis umgeben. Gehen sie vorwärts oder rückwärts, drehen sie sich im Kreise herum? Wer konnte dies wissen? Und die Winternacht zieht sich hin, will gar kein Ende nehmen! Da plötzlich — in weiter Ferne, ein kleiner Lichtschein! Die letzten Kräfte auspunnend, eilteu die müden Wanderer dem־ Lichtscheiue nach. Je weiter sie kamen, immer weiter zog der Lichtschein voran. Es schien, als ob auch dieser vorwärts eilte u;1d unerreichbar sei. Immerhin ein Wegweiser, dem man in Hangen und Bangen folgen müsse, auf die Gefahr hin, einer Kosakenabteiluug in die Hände zu fallen. Unendlich zog sich dieses Spiel hin; fast eine Ewigkeit. Endlich setzte die Morgendämmerung ein. Der Lichtschein glänzte noch immer, bis er plötzlicli venschwund, als sicli in der Ferne im ersten Licht des Morgens ein Häuschen zeigte. Unschlüssig, aber doch ohne einen anderen Ausweg, eilten der Kaiser und .seine Begleiter in das Häuschen, Ihr Klopfen am Tore blieb ohne Antwort. Als sie jedoch eindringen wollten, gab das Tor ohne weiteres nach. Das Häuschen war leer, verlassen und öde. Keine Spur einer, menschlichen Behausung. Es muß schon lange von seinen Bewohnern verlassen sein. Napoleon und seine Begleiter standen vor einem Rätsei: Wohin war der Lichtschein, der ihnen den Weg hierher zeigte, verschwunden? Aber all ihr Bemühen, die Lösang des Rätsels zu finden, war vergeblich. Sie ,stöberten alle;Räume durch; Boden und Keller. Holzreste ermöglichten ihnen, am Herd Feuer zu machen und ihre erfrorenen Glieder ein wenig auftauen zu lassen. Der kleine Küchenraum war bald behaglich erwärmt. Nun erst meldete sicli ihre Müdigkeit und sie verfielen einem harten Schlaf. Als sie erwachten, war es bereits wieder stocktiefe Nacht. Sie hatten also den ganzen Tag verschlafen — allerding's war er einer der kürzesten Tage des Jahres. Sie machten sich wieder auf den Weg. Und siehe da: wieder zeigte sich der Lichtschein in der Ferne, der ihnen gewissermaßen als Wegweiser diente. Nun wunderten sie ohne Angst und Furcht — sie hatten das Gefühl, daß irgend ein guter Geist, ein Engel, ihnen vorangeht und sie den richtigen Weg führt. So wandelten sie wieder die ganze Nacht hindurch, immer die Richtung befolgend, die ihnen der Lichtschein zeigte. , ■ Am zweiten Morgen endlich erreichten sie ein kleines Städtchen und dort erfuhren sie, welcher Gefahr sie entrönnen sind. Zwei Tage lang hauste eine Kosakenabteilung im Städtchen, das fast zur Gänze von Juden •bewohnt war. Die Kosaken durchstöberten jedes Haus, Franzosen suchend. Erst als ihre Bemühungen erfolglos waren, sind sie abgezogen. Wäre der Kaiser und seine Begleiter früher eingelangt, so wären sie den Kosaken in die Hände gefallen. (Schluß folgt.)