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Jüdische Presse · 1937-12-24 · 44-45 (24.12.1937) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
23 (1937)
Issue
44-45 (24.12.1937)
Date
1937-12-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 jüdische pmm Ne .4*45 Fürst die Kanzel, «m mit einem Spruch die Bedeutung des Tages der versammelten Schiilersdiar zu vermitteln. Seine Rede klang in einem Segen für Oesterreich. die jubilie* * rende Schule und ihre Schüler, deren Eltern und alle Schelf renn de aus. ,Hierauf betrat der Direktor der Anstalt Rabbiner Dr. Joel Pollak im Turnsaal das Podiuht, um die Festversammlung zu begrüßen und die Bedeutung der Schule in Vergangenheit und Gegenwart in knappen Um* rissen darzustelleh. Der Redner beschloß seine Ansprache mit einem herzlichen Dank an die opferbereite Lehrer* Schaft und die anhängliche Elternschaft Und gab das Versprechen, auch fürderhin im Geiste der Begründer dieser Schule für die religiöse Erziehung der Jugend in hergebrachter Weise zu sorgen. Sodann ergriff Min.-Rat Dr. Ludwig Battista das Wort und führte aus: Verehrte Frauen und Herren! Es ist mir eine große Ehre, Ihnen verehrte Frauen und Herren heute die Grüße und besten Wünsche des Herrn Ünterrichtsministers zu dieser Feier überbringen zu dürfen. Ich freue mich aber auch, als Referent für das Volksschulwesen in Oesterreich heute an dieser Feier teilzunehmen, an einer Schulfeier in einer Schule, wie ich sie lange schon wohl nicht aus eigener Anschauung, aber aus vielen Akten und aus vielen Besprechungen der letzten Jahre kenne. Wenn man im menschlichen Leben von T0 Jahren spricht, so überschreitet der Mensch hier die Schwelle des Patriärchenalters und der Mensch ist schon geehrt um seines Alters willen. Es mag sein, daß bei öffentlichen Einrichtungen dieser Zeitmaßstab zu klein ist, aber eines hat sich gezeigt: wenn eine Schule 70 Jahre besteht und 70 Jahre in Ehren das Oeffentlichkeitsrecht be* sitzt, dann hat sich diese Institution bewährt. Sie muß sich in diesem Falle bewährt haben und, meine Frauen und Herren, das, was mir immer an dieser Schule so sehr synipathisch war, das war der ehrliche Erziclmngswille, der sich aus dem ganzen Gehaben und aus der bewährten Leitung des jetzigen Direktors immer wieder gezeigt hat. Wir, die wir es mit der Erziehung der Jugend ehrlich meinen, wir wissen, daß das Tiefste der Erziehung die religiöse Seite des Erziehungswerkes ist. Und dort wo man G—■tt in den Mittelpunkt aller Erziehung und allen Unterrichtes stellt, da ist der tiefe Erfolg gegeben, der hinausreicht über die Spanne der Schule und ins Leben. Darum hat auch diese Schule die Zeiten bestanden, die über sie hinweggegangen ■sind. Vier Abschnitte sind es, wenn wir an die Weltgeschichte denken, durch die sich diese Schule hindurchgesägt hat. — Wie hochinteressant, daß der Anfang der Schule in der Zeit der alten Konkordatsschulen liegt, wo der Erzbischof durch sein Gutachten die Zustimmung zur Erteilung des Oeffentlichkeitsrechtes geben mußte. Dann kam im Jahre 1869 das iReichsvolks- Schulgesetz und wird die Schule eingegliedert in das Privatschulsystem als eine Privatschule mit Oeffentlichkeitsrecht. Aber auch durch die schweren Zeiten nach dem roßen Kriege und in den schwierigen Jahren der Nachriegszeit hat sich die Schule bewährt: in der Art der Erziehung und in ihren äußeren Erfolgen und ich weiß, daß heute in dieser Schule auch Gutes geschaffen wird.!Nicht umsonst hat die Unterrichtsverwaltung gerne dazu die Zustimmung gegeben, daß in der neuesten Zeit ein!Kurs besteht, eine Oberstufe eingerichtet worden ist, die den späteren jungen Menschen Gelegenheit gibt, im jiidischeu Ritus eine!Rolle zu spielen und Verdienste zu •schuf־ fen. Wir haben es; gerne gemacht, eine solche Möglichkeit hier in dieser Schule zu schaffen. Das alles, was ich ■hier nur kurz angedeutet habe, zeigt die Beständigkeit der Schule, möge diese bleiben und möge G—,tt reichen!Segen auch weiterhin bescheren für und für. ln Vertretung des Bürgermeisters sprach Obermag.־ ׳Rat Dr. R. Schwetz: . Als Vertreter des Herrn Bürgermeisters iibevbringe ich seine Grüße und besten Wünsche; aber auch im Naimen des 2. Präsidenten des Stadtschulrates bin ich beauftragt, seine Wünsche zu überbringen. Die Schule, die hier auf eine 70 jährige Vergangenheit zurückblickt, blickt, mit Stolz auf diese ■Zeit zurück. Es möge dem Verein, es möge der bewährten Schulleitung und dem Lehrkörper auch weiter beschieden sein, in dem Geist, in dem sie bisher ׳das Werk vollbracht hat, auch weiter zu wirken. Dies ist der Wunsch des Herrn Bürgermeisters. Herr Amtsdirektor Löwenherz überbrachte die Grüße des Präsidenten der Isr. Kultusgemeinde Staatsrat Doktor Friedmann: Sehr geehrte' Damen und Herren! Ich habe den Auftrag, Herrn Präsidenten der Kultusgemeinde Herrn Staatsrat Dr. Desider Friedmann zu entschuldigen; er wäre gerne heute persönlich gekommen, wenn er nicht durch seine Krankheit gehindert worden wäre. Es fällt mir aber auch die sehr ehrende Aufgabe zu, im Namen des Präsidiums und des KultusA'orstandes diese Schule und den Verein, der diese Schule erhält, anläßlich des 70 jährigen Oeffentlichkeitsrechtes zu beglückwünschen. Wir wissen ganz genau, wie schwer es ist, ein Schulwerk zu gründen und heutzutage ein Schnlwerk zu erhalten. Wir sind mit den Sorgen dieser Schule und deren Leitung, die im engsten Kontakt mit der Isr. Kultusgemeinde steht, sehr gut vertraut. Wir bemühen uns aber auch, diese Sorgen nicht nur platonisch zu teilen, nicht nur unsere Anerkennung für die Leitung aussprechen, sondern ihre Sorgen zu teilen, ihnen 1-RlSe angedeihen zu lassen und es hat schon Herr Direktor Dr. Pollak erwähnt, daß die Kultusgemeinde in den letzten Jahren sich bemüht hat, die Subvention bedeutend zu erhöhen; ohne die Unterstützung und Förderung dieser Schule durch die Isr. Kultusgemeinde und insbesondere Herrn Staats rat Dr. Friedmann wäre wohl die Erhaltung der Schule in diesen schweren Zeiten kaum möglich gewesen. Wir stehen in einem Zeitalter des allgemeinen Geburtenrückganges. Unter diesen erschrecken- (den Zahlen, mit welchen sich die Wirtschaftspolitiker Oesterreichs zu befassen haben, müssen auch die Zahlen des jüdischen Geburtenrückganges besonders erwähnt werden,, weil wir auf diesem Gebiet leider an der Spitze marschieren. Die Zahl der jüdischen Kinder wird immer eringer; sie ist seit dem Jahre 1953 bis zum heurigen chuljahre so gefallen, daß wir.anstatt 1350 Kindern heuer kaum 1000 Kinder haben, die das 6. Lebensjahr vollendet haben. Nach den Berechnungen, die wir anstellen konnten, schauen wir sehr traurig in die Zukunft. ץ veil in wenigen Jahren, im Jahre 1940, kaum 640 jüdische schulpflichtige Kinder in Wien zu verzeichnen sein werden, d. h. Kinder, die das 6, Lebensjahr absolviert haben und mit dem Schulunterricht beginnen. Die Frage der Volksbewegung, die Frage der Dinge, die zu diesem Geburtenrückgang geführt haben, müssen andere Faktoren bei anderen Anlässen be-? schuftigen. Aber an dieser Stelle soll und muß gesagt werden» daß wir den Kindern, die unserer Obhut anvertraut sind, unsere besondere Aufmerksamkeit schenken müssen. Denn die Kinder, die wir erziehen, sind die Zukunft des Volkes und die zukünftigen!Bürger, die wir für den Staat, für das von uns allen geliebte Vaterland zur Verfügung Rheuma?* Nehmen Sie A1 pa-Franzbranutwein. Durch Alassageu mit dem Alpa erzielen Sie große Linderung. Die schmerzenden Körperstellen brauchen natürliche Erwärniung; diese wird Ihnen durch den erreichten besseren Blutkreislauf zuteil. Alpa gibt es nur in plombierten Oriiaalf laschen! Achten Sie daher beim Einkäufe darauf, daß ie wirklich Alpa bekommen! stellen. Sie im jüdischen und vaterländischen Geiste zu erziehen ist unsere, Pflicht. — In dein großen Sehulwerke der Knliusgenieihde. Welche die Aufsicht über 16.000 Kin* der und Jugendliche umfaßt, bildet diese Schule einen sehr beachtenswerten Faktjor. Diese Schule mit 500 Kindern muß gehegt und gepflegt Werden und es ist zu bewuäidtrn. wie diese Aufgabe seitens der Schulleitung erfüllt Wird• leb will Ihnen die Versiehernng geben, daß die JCultitsgejneinde nach wie vor sich betUühen. wird, Sife in Ihren BCifiühungen zu unterstützen und zu fördern. — Ich sehe hier viele, die diese Schule absolviert haben und höre inimer, daß es für den Geist dieser Schule symptomatisch wäre: wer sie absolviert hat, bewahrt ihr die Treue, treues Geden* ken und treue Anhänglichkeit. Ich würde wünschen, daß sich dieses platonische Gedenken, daß diese Anhänglichkeit auch dazu führen möge, im Geiste der Kultusgemeinde in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung fiir die Förderung und materielle Unterstützung dieser Schule einzutreten und alle mögen dazu beitragen. , Wir haben vom Herrn Vertreter der Unterrichtsverwaltung gehört, welches Verständnis die Unterrichtsbe* hörde dieser Schule entgegenbringt. Es soll diese Feier auch dazu dienen, den Ruf der Schule hinauszuposaunen in die jüdische Welt. Es sollen alle jüdischen Kreise sich bewußt sein ihrer Pflicht,, welche sie der jüdischen Jugend gegenüber zu erfüllen haben. — Wenn man einem Mann» der 70 Jahre absolviert hat, Glückwünsche darbringt, sagt man, er möge 120 Jahre leben; ich will dem Schicksal nicht Schranken auferlegen, aber ein derartiger Wunsch wäre zu bescheiden fiir diese Schule. Ich wünsche in dieser feierlichen Stunde, es möge dem Verein, der diese Schule erhält, bescheiden sein, künftige Generationen ries jüdischen Volkes zu erziehen; es möge ihm beschieden sein, das Musterschiilvverk. wie es aufgebaut ist. fortzusetzen. Es möge ihm vergönnt sein, junge jüdische Menschen mit den Sitten unserer Religion zu erfüllen, ihnen die Lehre der. Religion und jüdischen Geschichte beizubringen, sie in allen Belangen zu bewußten treuen Staatsbürgern׳ dieses Staates zu erziehen, aber auch zu bewußten, stolzen treuen Juden. Wer zu seinem Stamm, zu seiner Religion hält, wer immer treu bleibt, aber auch immer treu seine Pflicht erfüllt dem Staate gegenüber, in dem er lebt, wird auch in Treue zum Judentum diese Kinder erziehen. Ich bin überzeugt, daß die so erzogenen Kinder die besten Juden und die treuesten Staatsbürger sein werden. Nach diesen Reden verlas Dir. Dr. Pollak unter den zahlreichen Glückwunsch- und Gratulationsschreiben den Brief des Herrn Bundesprüsidenten, dem wir folgende charakteristische Stelle entnehmen: Der Herr Bunclespräsident hat mit größter Genugtuung zur 1Kenntnis geuommen, daß in der jubilierenden Schule jüdische Jugend seit Generationen ganz im Geiste der Bibel erzogen wird. Er begrüßt diese streng religiöse Erziehung auch im Interesse des Vaterlandes auf das wärmste usw. Ein von Oberlehrer Gotthold Friedländer verfaßter Festprolog, gesprochen von der Schülerin Luzy Pappenheim, leitete die Reihe der künstlerischen Darbietungen der Volksschulklassen ein. Wie in einer Filmrevue rollten in bewundernswerter Raschheit und Exaktheit acht schöne Bilder, darstellend ■den Unterrichtsgang in den einzelnen Klassen, wie die großen sozialen und Fürsorgeinstitutionen: Schülerausspeisung, Schulmilch, Ferienaktion, vor den Augen der faszinierten und zu immer neuen iBeifallsstürmen hingerissenen Zuschauer ab. Den ׳Schlußpunkt bildete das Fahnenschwingen der 4. .Knaben-Volksscluilklasse (abschließend Absingung der Bundeshymne und des Liedes der Jugend), das in ganz besonderer Weise den an der Schule gepflegten vaterländischen Gedanken zum Ausdruck brachte. Darauf folgte die Besichtigung der in den Schulgängen aufgestellten Schülerarbeiten, wie ein Besuch des Speisesaales der Schülerausspeisung. Die Talmud Thora-Schule und die Wiener Orthodoxie Die festliche Veranstaltung der Talmud Thora aus Anlaß des ihr vor 70 Jahren verliehenen Oeffentlichkeitsrechtes, war ein wahrer Ehrentag der Wiener religiösen Judenschaft. Doch in der gewohnten Zurückhaltung und angeborenen. Bescheidenheit unterließen es die betreffenden Organisationen, zu erwähnen, welchen Anteil sie an diesem Werke haben. Es ist nicht immer gut, wenn man sein Licht unter den Scheffel stellt. Man hat vielmehr die Verpflichtung(, aufzuklären und ,gewisse Leistungen!im Gedächtnis festzuhalten. Der Festredner des Tages, Herr Direktor Rabbiner Dr. Pollak hat mitgeteilt, daß im Jahre 1849 die Talmud Thora Schule von J. L. F reistadt gegründet wurde. Zu Ende des Jahres 1848 wurde die Grundlage für die Schiffschul geschaffen, u. zw. war der Gründer derselbe J. L. F r e i s t a d t. Dieses zeitliche Zusammentreffen der beiden Gründungen war ebensowenig ein Zufall, wie die Tatsuche, daß beide ,Gründungen denselben Urheber haben. Die Stürme des Jahres 184S hatten die Schranken wegerissen, welche die Ansiedlung־ von Juden in Wien verinderten. Aus den religiösen Gemeinden aller Teile der Monarchie kamen Juden nach Wien, die das Verlangen hatten, ihr religiöses Leben hier in Wien ungestört fortzusetzen. Die religiösen Verhältnisse Wiens waren eine trostlose Wüste, in der die Zugewanderten vergebens nach einem schützenden Dach für ihre religiösen!Bedürfnisse suchten. Diesem zu genügen, gründete Freistadt die Schiffschul. Wenn die Schiffschul Bestand haben sollte, mußte auch für die folgenden Geschlechter gesorgt werden, und im Anschluß daran entstand die Talmud Thora. Die Talmud Thora und die Schiffschul sind Zwillingskinder desselben Gedankens. Freistadt hatte die Richtigkeit erkannt, daß ein religiöses Leben sich nur entwickeln lind gedeihen könne, wenn es unter dem Schutze einer selbständigen und u u a b 11 ä n g i g e n freie n Organisation steht. Die Talmud Thora und die Schiffschul hatten auch ganz analoge!Kämpfe und Schwierigkeiten durchzumachen. Hier soll von den Schwierigkeiten und von den Widerständen nicht gesprochen werden, die die Schiffschul niederzukümpfen hatte. Die Talmud Thora selbst hatte ihren schweren Stand. Von gar maneher •maßgebender Seite wurde ihr entgegengehalten, daß die konfessionell eingestellte Schule in eine Zeit des freien Geistes nicht hineiupasse. Starke Betonung der Religion sei nicht zeitgemäß. Man ließ sich aber nicht irre machen und hielt (len Gedanken fest, daß eine wahrhaft jüdisch-religiöse Erziehung allein imstande ist, eine wahre Judenschaft zu erhalten, die Pflege des religiösen Gedankens bei der Jugend diese wirklich ertüchtigen und sie zu wahrhaft guten und brauchbaren Menschen erziehen kann. Sie zeigte den Kindern das jüdische Volkstum, jenes Volkstum» das nichts''gemein hat mit dem modernen politischen Begriff der N a t i 0 - nalitä t, das jüdische. Volkstum, das nach dem g— ttliehen Wort vom Sinai die Juden zu einem Volk von Priestern macht, erfüllt von dem Pflichtbewußtsein, alle Men- ׳ scheu als Kinder eines Vaters brüderlich zu lieben, immer hilfsbereit zu ׳sein, immer als wahrer, guter Mensch seine I Pflicht zu erfüllen. In diesem Sinne erzog die Talmud Thora Generationeu von Schälern und wirkte dadurch wohltätig und zur Ehre der g e s mm t e ft Wiener Jitdeuschaff; Diö Schule gedieh Und wuchs. Der zielbeWußtön Tätigkeit und der unermüdlichen׳ Arbeit des Direktors Rabbiner Dr. Pollak gelang es» die Schule uftszugestalteir und 2ü erweitern und ihr eine e r s fe ’S t e 11 u n g im Schulwerk" der Wiener Judenschaft zu sichern. Sie hat sich die allgemeinste Anerkennttrtg erzwungen. So kam es, daß Vor mehr als einem Jahrzehnt schon der Vorstand der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde. der damals in seiner überwiegenden Mehrheit nicht national war, durch die Zuerkennnng einer * zionistische ׳Mehrheit in die Fußstapfen ihrer Vorgänger und beschloß in dankenswerter Weise, durch die Steigernng der Subvention die Schule kräftigst zu fördern. Auf eine vieljährige, ruhmreiche Tätigkeit blickt nun die Talmud Thora Schule zurück. Möge es ihr gelingen, auch weiterhin in gleichem Sinne zu wirken, möge sie, ihrem alten Grundsätze treu, im Geiste unseres altererbten ewigen Judentums noch viele Schülergenerationen erziehen, zu treuen Staatsbürgern, zu wahrhaften Juden,/zu tüchtigen Menschen, zur Ehre der gesamten Wiener Jadenschaft. Rast. Ppc&leme eines Judenslaales Von Dr. Isaac B reue r. IM. Ein z w e i ter A 11 s w c g. r Die Neigung, unserer Gahit-Erfalmmg ohne weitere Nachprüfung, schon aus Bequemlichkeit, auf das völlig neue Phänomen des Galut-Judenstaates in Anwendung zu bringen, könnte einen zweiten Ausweg nahelegen, der sich leicht als ein noch schlimmerer Abweg erweisen möchte, als der erste Ausweg. In dem Kampf um die Selbständigkeit der thoratreuen Gemeinden hatten wir uns den Staaten gegenüber stets auf das Prinzip der Gewissensfreiheit berufen. Auch die unabhängige Gemeinde in Jmischolajim hat sich, mit Recht, dieser Waffe bedient. Können wir am Ende auch unseren Standpunkt zum Galut-Judenstaat als den Standpunkt der Gewissensfreiheit begreifen? Gewisse Anzeichen sprechen dafür, daß manche bereit wären, die Frage zu bejahen. Wenn wir bisher den nichtjüdischen Staaten und auch der Mandatarmacht das Prinzip der Gewissensfreiheit entgegenhielten, so verlangten wir für die Thoratreuen nichts, was wir nicht den Thoragegnern zuzubilligen bereit gewcsen waren. Meist verlangten wir sogar lediglich, was die Thoragegner längst hatten. Dies gilt namentlich für das Gemeinde- und Erziehungswesen. Hier wünschten wir regelmäßig dasselbe Recht zu genießen, das der Staat den Thoragegnern cingerüumt hatte und beriefen uns darauf, daß unsere religiöse Ucberzeugung uns keine Rechtsverkiirzung zuziehen dürfe. Im übrigen ließ das Prinzip der Ge- Wissensfreiheit, wie wir es folgerichtig handhabten, die Struktur des Staates als solche und seine verfassungsmäßige Ordnung völlig unberührt, zumal wir dem religiösen Gewissen dieselbe Enge der Interpretation zuteil werden ließen, die in Westeuropa der Begriff der Religion; überhaupt erfahren hatte. Wollten wir nun' dieses aus den Stürmen der großen französischen Revolution hervorgegangene Prinzip der Ge- Wissensfreiheit auch auf den Galut-Judenstaat anweuden, so könnten wir uns in der Tat, und das ist das ■gefährlich Verlockende daran, die Mühe sparen, mit Verfassürigsentwürfen hervorzutreten. Wir könnten uns sogar, vermutlich, jeden Kampf sparen, denn auch die ausgesprochenen Thoragegner werden kaum ernstlich daran denken, unser Gewissen, natürlich im westeuropäischen Sinne des Wortes — und einen anderen Sinn hat es nicht — fühlbar zu kränken. Sie würden sich sogar von der erstaunlichen Bescheidenheit unserer Forderung aufs angenehmste berührt finden, denn wenn der erste Ausweg offensichtlich unserer Forderung einen grandiosen Umfang gibt, so erführt sie beim zweiten Ausweg eine nicht minder grandiose Schrumpfung. Mit dem westeuropäischen Prinzip der Gewissensfreiheit legitimieren wir den Galut-Judenstaat, in einem Raum den Thoragegnern die Möglichkeit zu jeder die Thora schändenden Handlungsweise zu gewähren. Jedes Gebot und jedes Verbot, das namens der Thora geltend gemacht wird, bedrückt das Gewissen derer, die sich, ihrer Ueberzeugung entsprechend, radikal von der Thora losgesagt ha- ' ben. Wenn wir aus Gewissensfreiheit im neuen Staat thoragemäß wollen leben können, so müssen wir zwangsläufig zugeben, daß im Namen der gleichen Gewissensfreiheit die Thoragegner sich ungehemmt entfalten. Daß also der neue Staat etwa ein Sabbat-Gesetz erlasse, das über deir Rahmen eines allgemein bürgerlichen Ruhetages hinnusgelit und das öffentliche Rauchen verbietet, wäre danach, unter unserer ־eigenen Mitwirkung und Verantwortung, gänzlich ausgeschlossen. Daß etwa die Ehegesetze der Thora im neuen Staat zur Anerkennung kommen, könnten wir vom Standpunkt der Gewissensfreiheit nicht nur nicht allgemein, sondern nicht einmal für den Kreis der Thoratreuen erlangen, da uns mit Fug entgegengehalten würde, daß bei der in Westeuropa zwischen Staat und Gewissen erfolgten Aufteilung der Welt die Regelung des Familienwesens nicht dem Gewissen, sondern dem Staat zuge fallen ist. Im Grunde genommen führt die Anwendung des Prinzips der Gewissensfreiheit auf den neuen Staat zu der Konsequenz, daß wir in ihm nicht nur faktisch, sondern auch rechtlich gar keinen jüdischen Staat erblicken, und daß wir uns ihm gegenüber gar nicht anders verhalten, als gegenüber jedem nichtjüdischen Staat in der Gola. Berufen wir uns auf die Gewissensfreiheit, so gehen wir bereits davon aus, daß der neue Staat kein Staat der Thora sein werde, der sich der Herrschaft der Thora — vergleiche oben! — vorbehaltlos unterwirft. Weil dem so ist, folgern wir daraus, daß der‘neue Staat eben kein jüdischer Staat sei. Und weil dem wieder so ist, erheben wir ihm gegenüber die Fahne der Gewissensfreiheit. . Das klingt allen ganz unwiderleglich. Es steckt auch gar kein Denkfehler darin. Nur die Wirklichkeit ist falsch gesehen. Daher die restlose Absurdität des bereits am Sabbat-Gesetz exemplifizierten praktischen Ergebnisses. Wenn die Logik die Wirklichkeit nicht zum Gegenstand nimmt, gleicht sie einer Mühle ohne Korn. Der Staat ist keine — Religionsgemeinde. Der Staat ist die stärkste, unübersehbarste Realität. Von der Religionsgemeinde kann ich mich durch »Austritt« retten, Vom Staat nur durch Verlassen des Staatsgebietes. Ich kann neben die von mir verlassene Religionsgemeinde eine andere, eine thoratreue .setzen und kann mich dann so verhalten, als wäre für mich ■die thorawidrige Gemeinde gar nicht existent. Aber ich kann nicht neben den Staat einen zweiten setzen» und ich kann auch den Staatswillen nicht ignorieren. Denn er ist auch für mich fortgesetzt vorhanden. Vorhandea, nicht als ein von Nichtjuden, sondern als ein von Juden gebildeter und ausgeübter Staatswille. Was zwang uns denn, sofern die Möglichkeit dazu geschaffen war, zum Austritt aus den thorawidrigen Gemein- (len? Hörten je die Menschen thora widrigen Verhaltens für uns auf, Juden zu sein, Jaden mit der unentrinnbaren Ver-

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