Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 23 (1937)
- Issue
- 31-32 (17.9.1937)
- Date
- 1937-09-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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dtef Mandatskommission der von der britischen Regierung äiä?. September 19% veröffentlichten Erklärung zug£- schriebe!!» ift der schaHe Maßnahmen gegen diejenigen angedrbht wurden, die die öffentliche Ordnung stören würdeä, dem Erlaß der Palestine Martial Law (Defence) Order in Council am 30. September und dem Aufruf der arabischen Könige und Fürsten an die arabische Bevölkerung Palästinas. Hach der Feststellung, daß schon Mitte Juni 19% erhebliehe militärische Verstärkungen aus Malta und Aegypten in Palästina eingetroffeh sind, fragt die Mandatskommission, warum es nicht möglich gewesen sei, schon damals das Kriegsrecht zu verhängen, statt damit bis 2um 30. September zu warten. Die Mandatskommission, so heißt es in dem Bericht weiter, legt dem § 5 der britischen Regierungserklärung große »Bedeutung bei, in welchem gesagt wird, daß die ritische Regierung nicht beabsichtige» sich ihrer Verant- Wortung für Frieden, Ordnung und gute Verwaltung in ganz Palästina zu entledigen, und daß der High Commis- Sioner im Falle des Wiederausbruches ernster Unruhen dem kommandierenden General Vollmachten für das ganze Land übertragen wird. Der Kommissionbericht erwähnt auch das Lob, mit dem Kolonienminister William Ormsby-Gore über die von den Juden bei den Unruhen bewiesene Zurückhaltung gesprochen hat. Der Minister habe dabei betont, daß die Juden im Falle der Durchführung des Teilungsplanes imstände sein würden, sich gegen einen etwaigen arabischen Angriff selbst zu wehren. Wir können nicht leugnen, sagte der Minister, und wir sehen keinen Anlaß es zu leugnen, daß die Juden selbst bereits eine, wie ich glaube, nach v europäischem Sprachgebrauch sogenannte »halbmilitärische Organisation«, die Hagana, geschaffen haben. Sie haben jetzt eine große Zahl ihrer jungen Leute organisiert. Außerdem haben viele von ihnen Waffen, die auf irgend einem Wege in das Land gebracht wurden, und sobald die Juden ihren eigenen Staat haben werden, werden sie natiirlich sehr gute Waffen haben. Der zweite Abschnitt des zweiten Teiles des Berichtes enthält die speziellen Bemerkungen der Mandatskommission. Bei der Besprechung des Problems des Bodenverkaufs erklärt die Kommission, daß sie besonderen Wert auf eine grundbuchmäßige ■Erhebung legt, durch die eine Registrierung derjenigen Araber vorgenommen werden soll, die ihren Boden infolge von Käufen durch Juden verloren haben. Zur Frage der jüdischen Einwanderung bemerkt der Bericht, daß fast alle Mitglieder der Mandats- Kommission sich gegen jede Einschränkung der jüdischen Einwanderung ausgesprochen haben. Die Kommission weist darauf hin, daß die geplante Begrenzung der jüdischen Einwanderung.auf 8000 für die nächsten acht Monate eine Verletzung des Mandates •darstellt, da sie im Widerspruch, zu dem vom Völkerbundrat für die Regelung der Einwunderung angenommenen Grundsatz der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit steht. Die Petitionen, mit denen sich der dritte Teil des Berichtes beschäftigt, werden in drei Kategorien eingeteilt.. Zu der ersten Kategorie gehören diejenigen, die sich gegen verschiedene »Repressiv«-Maßnahmen während der Ün.r ruhen wenden. Die Kommission betont, daß anscheinend in keiner ein konkreter Plan für die Bekämpfung der Unruhen vorgeschlagen wird. Die zweite Kategorie umfaßt Petitionen gegen die Politik der Mandatarmacht, die dritte solche, die sich auf den Legislativ Council beziehen. Rezept für Tomatenmarmelade. 1 kg reife Tomaten werden für 1—2 Minuten in kochendes Wasser gelegt, damit sie sich leichter passieren lassen. 65 dkg passierter Masse wird dann mit dem Inhalt 1 Päckchens Trocken- Opekta ä Kß 3.50 bestreut und 1 Minute brausend gekocht. Dann gibt man % kg Zucker dazu, kocht 10 Minuten brausend durch, fügt dann den Saft von 1 Zitrone dazu und füllt heiß randvoll in kleinere Marmeladengläser, die י man gleich mit angefeuchtetem Zellophan und Gummiring verschließt. Man stülpt die Gläser um und läßt sie wenig- . stens % Stunde so stehen. Hände nach oben...« beendet, alles ist bereit, das »Kol- Nidre« zu beginnen — nur Rabbi Levi Jizchak steht unbeweglich vor seinem Betpulte in sich gekehrt mit verklärtem Gesicht, als ob er einen inneren Kampf austragen würde, er will oder kann nicht mit dem Gebet beginnen. Die Sonne ist schon fast zur Gänze verschwunden. Von den' benachbarten Bethäusern dringt bereits lautes und inbrünstiges Beten her, fast ist es schon spät. Mit angsterfülltem Blick beobachten die Versammelten bald die zunehmende Dunkelheit, bald die unbewegliche Gestalt ihres verehrten Fürbitters und Vorbeters. Eine namenlose Angst macht sich im Raume breit und ergreift ihre Seelen und das gespenstische Geknister der großen, gelben Wachskerzen erhöht noch diese angstvolle Stimmung. Ein furchterfülltes Ahnen greift mit unsichtbarer Hand nach den Betenden und eine innere Unruhe läßt sie erbeben: Sie wissen, daß dieses Schweigen des Rabbi Levi Jizchak nicht umsonst ist. Sicherlich hat Satan, der große Samael, ihm den Weg zum Himmel verlegt und er kann nicht durch... Wer weiß, wer weiß, was da noch kommen mag... und als ob •sich die bedrängte, von innerer Spannung geladene Brust, Luft schaffen wollte, ließ sich bald da, bald dort ein namenloses, langgedehntes, innerliches Aufschreien vernehmen, das packte und rüttelte und einem einen Schauer durch den Körper jagte und Tränen aus den Augen preßte: Oj-oj-oj-oj-oj-Vater-im-Himmel! Endlich wendet sich Rabbi Levi Jizchak dem neben ihm harrenden »Schames« zu, indem er ihn fragte: — Ist Berl der Schneider schon im Bethainidrasch? Er muß sofort geholt werden. Wie lange noch soll man auf ihn warten!... Wie ein Lauffeuer haben sich diese Worte im Saale verbreitet und haben jedem einen Ruck gegeben: Wie, R. Levi Jizchak kann ohne Berl den Schneider nicht beten? Und dieser »Prostak« läßt auf sich so lange warten?!... Als der Geholte an der Schwelle des Bethauses erschien, wichen die Versammelten scheu zurück und ließen ihm einen breiten Weg offen. Mit dem. dem einfachen Menschen eigenen scheuen Trotz näherte sich Berl der Schneider Rabbi Levi Jizchak. Dieser wendete ihm sein mildes Gesicht zu und fragte ihn mit sanfter Stimme: ¬י Berl, macht man so etwas? Warum hältst du das Beten der ganzen Gemeinde auf? Berl kante eine Wedle verstockt an seiner Unterlippe, die starken Knochen seiner Wangen bewegten sich in aufgeregtem Rhythmus und mit zerhackter Stimme schoß es ans seinem Munde: — Konnte ich denn anders!״:,. Wenn ER mir 80 beigespielt hat und ich niemanden habe, vor wem mein Leid zu schildern und wo mein Recht zu suchen! Der Schneider hielt einen Moment inne. Dann fragte er mit dem Gefühl eines seiner gerechten Sache sicheren. Mannes: Wollen Sie, Herr Rabbiner, etwa den Richter zwL sehen mir und IHM abgeben? Ich bin bereit, den Streit vor Ihnen unazntrftgen» Heldengedettkfeier des Bundes jüdischer Frontsoldaten Sonntag, 12. September, veranstaltete der Bund jiidischer Frontsoldaten Oesterreichs anläßlich der Feier des fünfjährigen Bestandes auf dem jüdischen Heldenfriedhof des Zentralfriedhofes eine Heldengedenkfeier mit Grabsteinweihe. Es hatten sich unter änderen eingefunden: In Vertretung des Bundeskanzlers Dr. v. Schuschnigg Oberst Sore, in Vertretung des Vizekanzlers FML. Hülgerth Generalmajor Heller, in Vertretung des Ministers Dr. Resch Ministerialrat Dr. Breuer, in Vertretung des Bürgermeisters Schmitz der Kommandant der Rathatiswache Oberstleutnant Frankl v. Seeborn, in Vertretung des Staatssekretärs Dr. Skubl Stadthauptmann Hofrat Hoschek. vom Zentralinspektofat der Sicnerheitswache Hof rat Dr. Kumpel, für den Stadtkommandanten und Divisionär Generalmajor Haselmayr Oberstleutnant Reicher, der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Staatsrat Dr. Friedmann, Oberrabbiner Dr. Taglicht, die Vizepräsidenten Dr. Ticho und Stricker, Minister a. D. Generalmajor v. Höfer, die Generalstabsärzte Dr. Stepler und Dr. Großmann, Abordnungen des Bundesheeres, der Heeresanstalten, der Oester- ״yv־ reichischen Soldatenfront, des Reichskameradschafts- und Kriegerbundes, des Kriegsopferverbandes, eine uniformierte Abteilung des Ringes österreichischer Soldaten, zahlreiche Deputationen/: der Kameradschafts- und Regimentsverbände u. v. a." ,'Das Bundesheer entsandte eine Ehrenkompanie mit Falihe und Musik des Infanterieregimentes •Nr. 5 unter Kommando des Hauptmannes Schidlo. Bundesführerstellvertreter Oberstabsarzt i. R. Franz Fischer begrüßte die Festgäste, worauf Bundesführer Hauptmann a. D. Edier v: Friedmann die Gedenkrede hielt. Oberrabbiner Dr. Taglicht weihte hierauf die vom Bund jüdischer Frontsoldaten gestellten Grabsteine ein und sprach das Totengebet, während die Musik das »Lied vom guten Kameraden« anstimmte. Jüdische Frontkämpfer, die den Kronenorden und die goldene Tapferkeitsmedaille errungen, legten im Mausoleum den Kranz nieder. Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Staatsrat Dr. Friedmann übernahm die Grabsteine in die Obhut der Kultusgemeinde. Mit der Bundeshymne und dem »Lied der Jugend« schloß die Feier. ♦ Rabbi Levi Jizchak warf rasch einen Blick auf die fast zur Gänze eingetretene Dunkelheit, setzte sich leise stöhnend auf seinen Sitz und sagte: — Wenn du dich kurz faßt, könnten wir es noch jetzt rasch machen. Und Berl der Schneider begann: — Wie Sie wohl wissen, bin ich seit Jahr und Tag Schneidermeister in Berditschew, der sein Handwerk versteht. Sogar unter den Christen bin ich bekannt und selbst die Adeligen der Umgebung geben mir hie und da Arbeit. Auch unlängst bin ich in das benachbarte Dorf zum Grafen Lubatschewski geholt worden, um ihm einen neuen Pelz anzufertigen. Er ist vom Ausland zuriiekgekehrt und hat sich von irgend einer Messe die herrlichsten Iltisse mitgebracht und nun sollte ich ihm binnen kurzer Frist den Pelz verfertigen. Man schloß mich, wie es Brauch.ist, in ein Extrazimmer ein und bei Brot und Wasser sollte ich die Arbeit ausführen. Ich habe den herrlichsten Pelz herausgebracht — aber, zehn Iltisse sind mir geblieben! Zehn Prachtstücke. Was tun? Dem Grafen gehen sie nicht ab, sein Pelz ist komplett, er weiß vielleicht nicht einmal, daß sie ihm fehlen würden, und für mich würden diese zehn Iltisse ein Vermögen bedeuten!... Zumindest einen Teil der Aussteuer meiner armen verwaisten Tochter Rechale, die, weil ich, Berl Schneider, kein Geld für Mit- §ift habe, versitzen inuß!,.. Ich höhlte nun ein großes auernbrot aus, verstaute dort die 10 Iltisse, tat sie unter meine Habseligkeiten, empfahl mich und ging nach Hause, Im Walde, der zwischen dem Dorfe und Berditschew liegt, angelangt, vernahm ich plötzlich ein Traben hinter meinein Rücken, .Nicht anders, dachte ich mir, sicherlich ist der Graf auf den Abgang gekommen und jetzt läßt er mich zurückholen. In meinem Geiste sah ich. mich nackt Spießrutenlaufen, spürte den brennenden Schmerz der feuchten Ruten und der niedersausenden Nagaikas der Kosaken. Rasch versteckte ich mein Bündel hinter einem Busch, und wie nichtsahnend, setzte ich mich daneben hinter einen Baum, der kommenden Dinge harrend. Bald stand vor mir der Haiduk des Grafen und rief mir barsch zu: Berlo! Rasch zurück! Der Graf will dich sprechen! Als ich angstvoll und alles'Böse ahnend, vor dem Grafen erschien, sagte er zu mir: ¬י So liefert man einem Grafen einen Pelz ab, Jud‘! Es fehlt ja das Scldingerl zum Aufhängen! Sie können sich meine freudige Ueberraschung vorstellen. Ich nähte das Schlingerl an und begab mich rasch zum Busch, wo meine Habseligkeiten versteckt waren, Aber siehe da: Keine Spur davon! Nichts zu finden! Wie in die Erde versunken. Wie versteinert stand ich da und ein Gedanke schoß durch meinen Kopf: Nicht anders, das ist SEIN Werk. ER will nicht, daß Berl Schneider dem Grafen Lubatschewski zehn Iltisse wegtragen soll! Sein »Lo-tignawU, »Du sollst nicht stehlen!« ist Ihm wichtiger als die Tränen einer versitzenden, armen jüdischen Tochter!... Gedenktafel für gefallene jüdische Frönt- Soldaten enthüllt. Im großen Gemeindetempel des 2. Bezirkes fand die feierliche Enthüllung einer vom Bund Jüdischer Front- Soldaten Oesterreichs den gefallenen Offizieren und Soldaten des zweiten Wiener Gemeindebezinkes gewidmeten Gedenktafel statt. Unter den Ehrengästen befanden sich viele hohe Offiziere, ferner Generaloberstabsarzt Univ.- Prof. Dr. Pick, Bundeskulturrat Prof. Dr. Salomon Frankfurter, Rat der Stadt Wien Dr. Jakob Ehrlich, als Vertreter der Kultusgemeinde die Vizepräsidenten Dr, Josef Ticho und Oberbaufat Robert Stricker, sowie Amtsdirektor Dr. Josef Löwenherz, von der Union österr. Juden der Ehren- Präsident Dr. Jakob Ornstein und Präsident Reg.-Rat Dr. Oppenheim und schließlich Vertreter jüdischer Parteien und Organisationen. Nach einer Rede des Oberrabbiners Dr. Taglicht, welcher der im Weltkrieg gefallenen Juden gedachte, übernahm der Vizepräsident der Kultusgemeinde Dr. Josef Ticho mit Worten des Dankes die Gedenktafel in die Obhut der Kultusgemeinde. Die Enthüllung der künstlerisch ausgeführten Gedenktafel, die viele hunderte Namen gefallener jüdischer Frontsoldaten trägt, wurde von Bundesführer Hauptmann Edler v. Friedmann vorgenommen, der bei dieser Gelegenheit u, a. folgendes ausführte: »Die gefallenen jüdischen Helden haben den Jitdengegnern den unwiderleglichen Beweis erbracht, daß alles lieble, das den Juden nachgesagt wird, schmähliche Lüge ist und bleibt. Die auf dem Felde der Ehre Gefallenen bleiben im Gedächtnis des Vaterlandes und der jiidisehen Gemeinschaft leben, solange Patriotismus, Pflichtgefühl, Aufopferung und jüdisches Gemeinschaftsgefühl geiibt werden. Jüdische Helden, gefallen für ein gemeinsames Vaterland, sind eine Mahnung an das Gewissen all jener, die bis heute eine menschliche Einstellung zu den Juden nicht gefunden haben.« * Oesterreichisch-palästinensischer Handelsverkehr im ersten Halbjahr 193?. Im ersten Halbjahr 1937 sind aus Palästina in Oesterreich Waren im Gesamtwerte von S 548.000 (gegen 312.000 im selben Zeitraum 1936) eingeführt worden: hievon •entfielen auf Nahrungsmittel und Getränke S 298.000, Roh- Stoffe und Halbfertigfabrikate S 224.000 und auf Fertigfabrikate S 24.000. Nach Palästina ausgeführt wurden im selben Zeitraum Waren im Werte von insgesamt S 2,020.000 (gegen. S 2,443.000 im 1. Halbjahr 1936); hievon entfielen auf Nahrungsmittel und Getränke S 51.000. Rohstoffe und Halbfertigfabrikate S 121,000 und FertigfabrLkate 1,848.000 Schilling. * Frau Rabbiner Ruchei Dine Jeruchem s. Z. 1. Am Mozei Rosch-iHaschanah verschied nach langem Leiden die Frau des bekannten Altstädter Gaon, Rabbi J. Jeruchem im Alter von 73 Jahren. Die Verstorbene war eine bekannte Zadikat und ein »Esches Chail« im wahren Sinne des Wortes. •Im 1Sinne ihres letzten Wunsches wurde die Leiche in die Heimat überführt, wo sie an der Seite ihrer Mutter die ewige Ruhe fand. »Der Ueberfiilming wohnte ein großer Kreis bei; darunter der Rabbi von Kopeczynec, mehrere Rabbiner usw. תנצב״ה * Lerngemeinschaft »Mekor Chaim« II., Große Schiffgasse 1 Vorträge. Schablbos Hasinu: Herr E. Spitzer, 1. Tag Sukkos: Herr D. Bondy, 2. Tag Sakkos: Herr Rabb. »S. Baumgarten, Schabbos Chol Hamoed: H. Red. S. Schachnowitz (Frankfurt a. M.), Schemini Azeres: H. Sekr. M. Spitzer. — Beginn aller Vorträge um 11 Uhr vormittags. Am Sonntag Beginn der Schiurim nach Minclio. An anderen Wochentagen um halb 9 Uhr abends. Nachher Maariw. Alice Stroh Jenö Grünwald Wien Györ Verlobte Na gut, sagte ich mir. Maß für Maß. So wie Du mir, so ich Dir. Wenn Du mich so entlohnst, so kündige ich Dir künftighin meinen Dienst. Nach Haiise zuriiekgekehrt, wasche ich mich nicht zum Essen, bete nicht nach der Mahlzeit, gehe schlafen ohne Abendgebet. Morgens dasselbe: Kein Talith, keine Tefelin, kein Beten, kein Benschen — nichts! Am Samstag gehe ich nicht ins Bethaus, zu den »Slichoth« stehe ich nicht auf, ja, selbst am Rosch Haschanah bleibe ich zu Hause und höre nicht das Schofarblasen.... Nun jetzt ist Erev-Jom-Kippur, die Zeit, wo jedermann seinem Nächsten alles verzeihen muß. Müßte ich ja, eigentlich, IHM auch das große Unrecht verzeihen, das er mir antat... Ich bin dazu bereit, falls ER uns allen alles verzeiht * und alle Sünden abläßt, und der ganzen Gemeinde ein gutes, frohes Jahr bescheidet! Maß für Maß: Versöhnung um Versöhnung und Verzeihung um Verzeihung! Rabbi, ich bin zu Ende! Nun walten Sie Ihres Amtes. Lassen Sie Ihren Spruch vernehmen! Berl schöpfte tief Atem, griff mit der Hand nach einer Säule des heiligen Schreines, da er umzufallen drohte. Zusammengebrochen, wie verändert, hing er mit gelbem Gesicht an den Lippen des Rabbi Levi Jizchak, als ob ihm von dort ewige Verdammnis oder ewige Gnade kommen sollte. Langsam erhob sich letzterer von seinem Platze, richtete sieh seinen Kittel, hob den Talith um das Haupt, schwieg eine kleine Weile und dann verkündete er mit lauter und fesjer Stimme: — Rabotai! Juden! Ich Levi Jizchak ben Sarah verkünde kraft meines mir verliehenen Amtes, daß Berl der Schneider im Rechte ist und urteile, daß G—tt, gepriesen sei sein Name, ihm zu verzeihen hat. ER aber auch der ganzen Gemeinde seinerseits alles verzeihen und alle Sünden ablassen und uns allen ein gutes, gesegnetes Jahr angedeihen lassen muß! Und mit frohem, wie von innerem Druck befreitem Gesichte wandte er sich dem Betpulte zu und mit seiner süßen, verinnerlichten Stimme fing er das »Kol-Nidre« an. In der mystischen Sabbath-Ausgangsdämmerung der chassidischen Klaus, als das Tageslicht fast zur Gänze geschwunden war und man Licht noch nicht machen durfte, hörte man die geheimnisvolle Stimme Reb Salmen Schochet, des ältesten Chassids des Städtchens; Um jene Zeit hing ein großes Verhängnis* um die Häupter der Juden. Satan ist es gelungen, schwere Anklage gegen sie zu erheben und große Judenverfolgungen, großes Blutvergießen drohte. In den allernächsten Tagen, zu Sukkoth, sollte das Verhängnis einsetzen. Alles Bemühen der dikim war vergebens. Alles hing an einem Haar,.. Wenn nicht Berl der Schneider... .,,Wenn nicht Berl der Schneider, echote es leise aus den Mündern der um Rab Salmen versammelten Schar jugendlicher Zuliöhrer, die mit flackerndeu Augen und tiefer Inbrunst ihm dankbar zuhörte: Ja, wenn nicht Berl der Schneider,'.,