Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1936-12-11 · 42 (11.12.1936) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
22 (1936)
Issue
42 (11.12.1936)
Date
1936-12-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2629891-2630637-2630679--5389-2637721
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

I Seite 2 jüdische pnmm m. 42 verkehrspolitisch sehr günstig: gelegenes Land ist, von wo aus schon die Phönizier im Altertum ihren weltumspannenden Mandel betreiben konnten, Andererseits will die christliche Bevölkerung Libanons, die Mehrheit in dieser Republik, von einer Rückkehr in ein ״Gro ß- Syrien" nichts wissen. Trnd so spielten sich in den vergangenen Wochen in Beirut, Tripolis und anderen größeren Städten Libanons erbitterte Kämpfe zwischen Christen * und Mohammedanern ab, welche eine Wieder- Vereinigung mit dem restlichen Syrien anstreben. Es ist zweifellos, daß diese Bestrebungen und ihre Ausdrucksformen von Damaskus aus inspiriert und geschürt wurden. Dem Damaskus, wo einst — in der kurzen Zeit der Herrschaft König Feisals — der Traum von einem großarabischen Reich geträumt wurde, ein Traum, von dem man dort noch heute nicht erwacht ist und der sich in den Bildern eines wiedererweckten Kalifats ergeht, das alle arabischen Länder Asiens umfaßt — ״Südsyrien", wie diese gefährliehen Träumer Palästina mit Vorliebe nennen, mit einge- Schlossen. Diese Kreise, die maßgebenden und einflußreichsten im Lande, fordern nun von den Juden weitgehende Hilfe und Unterstützung. Die Juden, jawohl, die Juden, sollen nach Kräften für einen panarabischen Staat eintreten. Vor allem aber sollen sie sich für die Ein- Verleihung Libanons einsetzen, von dessen christlichem Regime sie jedenfalls eine bessere Behandlung zu erwarten haben, als unter einer moslemitischen Herrschaft, sollen sie die Balfour-Deklaration und einen jiidisehen Aufbau in ״Südsyrien" ablehnen und dessen Anschluß an ״Groß-Syrien“ betreiben. Das Einzige, was die syrischen Juden tun können, ist: gleichgültige Gesichter machen. Ihr Denken und Fühlen ist mit dem Heiligen Lande aufs engste verbunden: nach außenhin aber muß das Land, dem sie auch physisch überaus nahe sind, für sie in fremden Fernen liegen, wenn sie sich nicht den gefährlichen Verdacht der ״Falschheit" und des ״Verrats" zuziehen wollen. Was jedoch die Juden von einer arabischen Herr- Schaft zu erhoffen haben, davon haben sie gerade im. letzten Jahr eine Kostprobe erhalten. Im vorigen Winter ist, wie erinnerlich, im Verlauf eines schweren Aufstandes der syrischen Nationalisten in Damaskus ein großangelegter Streik durchgeführt worden. Das ganze Leben stand still, die Stadt war von der Außenwelt formlieh abgeschnitten. Nur daß die Streikenden mit Proviant versorgt wurden. Als ״Streikende“ wurden aber nur die Araber betrachtet, so daß die Juden, obwohl sie, durch Einschüchterung und Terror gezwungen, ebenso mittaten und der Streikparole restlos Folge leisteten, buchstäblich dem Hunger preis gegeben waren. Ihre Brüder im benachbarten Palästina wagten es nicht, ihnen Hilfe anzubieten, die sie auch nicht angenommen hätten, wie groß ihre Not auch war. In den Provinzstädten und besonders in Aleppo war die Lage der Juden noch weit schlimmer, da sich hier die antifranzösische Stimmung oft genug gegen die greifbaren und wehrlosen.Juden .Luft■ machte. Begreiflich, daß die bald darauf einsetzenden Unruhen im Heiligen Lande nicht ohne Einfluß auf die Verhältnisse in Syrien wären. Besonders eifrig wurden der Boykott und die Aushungerung des Jischuw propagiert und es kam nicht selten vor, daß ganze Lastautomobile mit ihrer Lebensmittelladung auf dem Wege nach Palästina verbrannt wurden. Wesentlich günstiger gestaltete sich die Lage der Juden im LIBANON. Dies ist vor allem dem Umstand zuzuschreiben, daß die — liier vorwiegend, christliche — Bevölkerung durch lebhaften Handel und Verkehr mit den Juden in fortwähren־ dem Kontakt steht, was sich naturgemäß auch auf die sonstigen Beziehungen auswirkt. Mehr als einmal hat der Patriarch der Maronitep. (eine christliche iSekte, die Sich bei Wahrung ihrer kirchlichen Selbständigkeit der röm.- kath. Kirche angeschlossen hat) seiner Verehrung für das Judentum im allgemeinen und den Jischuw im besonderen Ausdruck gegeben. Allerdings hat diese Sympathie dem Jischuw nicht wenig Geld gekostet. Libanon ist nämlich ein herrliches Stück Erde: die Berge und Zedernwälder des Libanon, die schon im Psalmisten ihren begeisterten Sänger gefunden, haben bis heute nichts von ihrem Reiz und ihrer Schönen Erhabenheit verloren; das milde Klima, die Heilquellen und dazu gute Chausseen, moderne Hotels und ein neuzeitlicher Komfort haben zahlreiche Touristen aus Palästina und zahllose Pfunds aus ihren Taschen gelockt. Aber immerhin: bezahlte Sympathien sind noch immer besser als grundlose Feindschaft. Im übrigen haben sich die freundnachbarlichen Be- Ziehungen auch auf wirtschaftlichem Gebiet ausgewirkt. Auf der Tel-Aviver Messe war die Republik Libanon mit einem eigenen Pavillon vertreten, obwohl die Messe bekanntlich gerade während der Unruhen in Palästina stattfand und die arabische Presse gegen jede Teilnahme daran in schärfster Weise Stellung nahm. Auch die Hetze gegen die Belieferung Palästinas mit Lebensmittein war im Libanon im großen und ganzen von geringem Erfolg begleitet. Resümierend muß gesagt werden, daß der Gang der politischen Dinge in Syrien wachsame Beobachtung durch die jüdische Weltöffentlichkeit erfordert. Denn die Juden in Syrien — das durch ein Unerforschliches Schicksal seine Unabhängigkeit gerade aus den Händen eines Juden, Löon Blums, empfing — sehen dieser Unabhängigkeit mit großer Besorgnis entgegen. Und nicht ohne Anlaß, trotz des im Vertrag festgelegten und garantierten Minderheitenschutzes; ist doch Papier so geduldig wie das jüdische Volk, dessen Söhnen auch in Syrien in fernen und nahen Tagen ein gerüttelt Maß von Leiden nicht erspart geblieben ist. Jacobs Füße על זאת יתפלל בל המיר אלין לעת מצא רק לשטף מים רביב אליו לא יגיעו (Psalm 32,6) I. Bekanntlich faßt die Gemoro in Brochaus 8 a das Wort לעת מצא in diesem Psalmenwort im Sinne von ״Finden" auf und stellt dort die entscheidenden Momente im Menschenleben zusammen, Zeiten des Findens, wo der fromme Mensch zu G-tt ■betet, daß er von strömenden Fluten nicht weggeschwemmt, ja, nicht einmal berührt werde. Wenn der Mensch durch die Ehe und in der Ehe zur Vollendung gelangen will, wenn er mit der Thora und an der Thora seine Persönlichkeit formen will, wenn das Ende seiner Tage genaht ist, wenn der Tod ihn ruft, dann immer ist für ihn eine Zeit des Betens gekommen. Eine andere Auffassung von dem Wesen dieser עת מצא finden wir im Midrasch zur heutigen Sidro: Dort heißt es zum Vers: 14 ,43) ואל שדי יחן לבם רהמים): Rabbi Pinchos sagte im Namen des Rabbi Hauschajoh: G-tt nahm die Füße unseres Vaters Jacob und stellte sie auf das Meer und sprach zu ihm: ״Siehe das Wunder, das Ich deinen Söhnen erweise!“ Dies!ist der Sinn des Wortes: ״Als Israel aus Aegypten zog.. .“ (Psalm 114, 1), der alte Vater Israel! ...Und dann fährt der Midrasch fort: לעת מצא: לעת מצוי היום, לעת מצוי הדין. לעת מצוי הנפש, לעת מצוי החשבין ,.da der Tag zur Neige geht, da das Gericht über den Menschen zusammenschlägt, da die Seele entweichen will, da die Rechnung nicht aufgeht!" Da unser Vater Jacob sah; daß die Rechnung nicht aufgehe, begann er sich im Gebet zu ergießen: ביון שראה יעקב אבינו שנתמצה ההשבון התהיל.שופך תחנונים: ואל שדי יהן לכם רהמים Wir wollen versuchen, den Zusammenhang in' diesem Midraschwort zu finden! Zunächst: Was bedeutet dies: G-tt nahm Jacobs Füße und stellte sie auf das Me e r? Wir wissen, daß Jacob schwache Füße hatte, seine Hüfte war ihm ausgerenkt, ״er hinkte auf seiner Hüfte"! Jacobs Füße sind daher gewiß nicht ein Sinnbild der physischen Kraft, sondern ein Bild der körperlichen Schwäche und!Hilflosigkeit! Am Meer stand das jüdische Volk einem gewaltigen, haßerfüllten, bis auf . die Zähne gerüsteten Feind gegenüber! Da stellte G-tt | Jacobs Füße auf das Wasser und sprach zu ihm;■ ״Sieh* das Wunder, das Ich deinen Söhnen erweise!" Wenn das jüdische Volk im Kampf ist mit seinen Feinden, dann muß^ es seine Hilflosigkeit vor Augen haben, dann muß es tief in seinem Innern von seiner eigenen Ohnmacht durchdrungen sein,- dann, aber nur dann hilft ihm G-tt — durch das Wunder! Jacob selber, er ist durchdrungen von dieser Erkenntnis, er weiß, daß G-tt nicht mit den stärkeren Bataillonen ist, wie eine g-ttlose Weisheit verkünden möchte, G-tt ist vielmehr mit dem, welcher sich seiner eigenen Enge und Kleinheit bewußt ist :עמו אנוכי בצרה Wenn der Tag in die Dunkelheit der Nacht taucht, לעת מצוי היום wenn eine Stunde der Entscheidung, der Abrechnung gekommen ist, wenn die Wasser bis an die Seele steigen, dann ואל שדי יחן לבם רחמים fließt aus dem Erbarmen und der Liebe G-ttes die Rettung! עת מצא das ist nach den Worten dieses Midrasch die Stunde der höchsten Not, in ihr flieht der vom חמד G-ttes Durchdrungene, der הםיד zu G-tt; sein Gebet erreicht G-ttes Ohr, G-tt schickt die Rettung לשטף מים רבים אליו לא יגיעו die strömenden Fluten erreichen ihn nicht! II. Dieser Gedanke: Jacobs Füße erscheinen über dem Meer, nur G-ttes Wunder rettet uns, er ist auch das Grundmotiv unserer heutigen Haftauro mit ihrem schon oft, aber immer noch zu wenig betonten Kernsatz: .לא בהייל ולא בבה כי אם ברוחי אמר די צבאות ״Nicht mit Macht und nicht mit Kraft, nur durch Meinen Geist", spricht G-tt, ״der Herr ist über die Heere.“ (Sech. 4, 6.) Aus diesem einen Wort erschließt sich Menschen, die die Wahrheit suchen, der eindeutige Sinn C h a n u k a s, als des Festes des g-ttlichen Wunders, nicht aber menschlichen Machtsieges! III. Auch über Chanuka hinaus wollen wir die Lehre beherzigen, die das erläuterte Midraschwort uns nahegebracht hat: Jacobs Füße stehen auf dem Meer, G-tt tut ein Wunder, Aegypten geht unter, Israel ist gerettet! Denn auch wir, die wir den wahren Sinn und das echte Wesen von Chanuka begriffen zu haben vermeinen, | FEUILLETON ■ Im CUamkawuMkz ״Eigentlich sind die Axitiochusse nicht ausgestorbexi; lind wenn es auch keine Matisjohus mehr gibt — Chanuka wunder geschahen zu allen Zeiten und geschehen immer noch." Ungefähr so ließ sich der alte Mendel alljährlich, nachdem er das erste Chanukalicht an ge zündet hatte, vernehmen. Und seine Kinder und später auch die Enkel — obioohl sie das, was jetzt kam, genau xoußtexi, und die Geschichte, die so eingeleitet worden war, fast auswendig kannten — setzten sich um ihn herum und hörten mit neugierigen Gesichtem und gespannten Mienen zu: ״Wie ihr wißt", begann Mendel zu erzählen, ״haben wir einmal — es war in den ersten Jahren nach unserer Hochzeit — in einem großen Dorf, nicht weit von Wilna, gewohnt, in dem außer uns keine jüdische Seele lebte. Wir hatten eine Kretschme (Wirtshaus), die einzige im Dorf} handelten dabei mit Vieh und Getreide und brachten es mit der Zeit zu einem gewissen Wohlstand. Aber es kann ja der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt. Und den hatten wir in Iwan P e t r o w i t s c h, dem Bürgermeister des Ortes. Dieser kleinste Würdenträger Rußlands konnte sich an Rischus mit den großen Herren in Petersburg messen. Auch an Bestechlichkeit stand er ihnen nicht nach. Nur, daß er sich. seinem Rang entsprechend mit geringerem Bakschisch begnügte als jene und auch an kleineren ,Geschenken‘ seine Freude fand. Aber die mußte man ihm bereiten, wenn man sich's nicht mit ihm verderben xoollte. Und wir wollten dies am allerxvenigsten, da er ja als Bürgermeister unser Geschick in Händen hatte. Und so mußten wir — so ungern es auch geschah — mit ihm, der einen ziemlich bedeutenden Viehstand hatte, handeln und tauschen, ihm verkaufen und von ihm kaufen,, mußten wir, ob wir nun wollten oder nicht, auf Geschäfte mit dem gewalthaberischen Partner eingehen. Eines Tages, es war kurz nach Sukkos, bot er uns eine Kuh z-um Kaufe an. Obwohl der Preis nicht hoch war und wir sofort einen Abnehmer dafür gehabt hätten, wollten wir nichts mit ihm zu tun haben, Um ihn nicht böse, zu machen, teilte ich ihm meine Kunden mit und riet ihm, sich mit diesen direkt in Verbindung zu setzen, er könnte auf diese Weise einen besseren Preis erzielen. Pßtrowitsch mochte aber davon nichts wissen; er müßte bei dem ■Abnehmer jahrelang warten, bis er zu seinem Gelds käme. Was soll ich euch da lang erzählen? Ich habe dem Bürgermeister die Kuh für fünfundzwanzig Rubel abgekauft. Spät abends wurden wir handelseinig, ich zahlte das Geld und Petrcmtsch führte noch am selben Abend die Kuh in unseren Stall. Wegen der späten Abendstunde war außer der Mutter niemand bei dem Handel zugegen. Den anderen Morgen in aller Frühe war das ganze Dorf in Aufregung. Von Mund zu Mund ging die Mär, daß vergangene Nacht dem Bürgermeister eine Kuh gestohlen xvorden sei. Von zwei Pristaws (Kriminalbeamten) begleitet, hatte der Bürgermeister selber alle Ställe des Dorfes von einem Ende zum anderen durchsucht, jetzt drang er auch in unseren Stall und die Pristaws. schrien laut: ,Da haben wir sie; das ist eure Kuh mit dem weißen Stirnfleck — der Jud׳ hat sie in seinem Stall!‘ . ,Das hättי ich aber von euch nicht gedacht, Mendel‘, rief der Schurke mit gut zur Schau getragener Entrüstung. ,Bei euch hätt* ich gar nicht nachgesehen; daß ihr eurem besten Nachbar das Vieh fortstehlt, wer hätte auch das denken sollenJ Der Spaß kommt euch teuer zu stehen, Mendel!‘ Wir waren sprachlos. Iwan Petroxoitsch war ja Allerhand zuzutrauen. Einer solchen unverschämten Niedertracht hätten wir aber diesen Ehrenmann denn doch nicht für fähig gehalten. Die Pristaxcs wollten die Kuh fortnehmen und sie in den Stall des Bürgermeisters zurückbringen. Aber dieser ließ es nicht zu; sie sollte bei dem Juden bleiben, bis das Gexicht sich selber überzeugt hätte, wer der Dieb wäre, das andere würde sich finden. Wir sahen, daß wir es mit einem Bilbul schlimmster Sorte zu tun hatten. Die Revölkenvng des Ortes fing an, eine drohende Haltung gegen uns einzunehmen. Wenige Tage später erhielt ich eix\e gerichtliche Mitteilung, daß ich xoegexi Hiebst ahls einer Kuh angeklagt sei. Wir xvaren in einer ernsten Lage — das xoar uns klar. Ich wollte nach Wilna fahren, um einen tüchtigen Advokaten zu gewinnen. Aber der Biirgerxneister, der jeden meiner Schritte beobachtete, verbot mir die Reise, die er als Fluchtversuch darstellte, und beantragte} daß ich bis zur gerichtlichen Verhandlung in Untersuchung8haft genommen werde. Nur'mit schwerer Mühe und vielem Geld gelang es mir, meine Freiheit zu behalten. Ich eilte nach Wilna und suchte den berühmten Advokaten Doktor Hirschexisohn auf. Er hörte meine Sache aufmerksam an und meinte dann: J)en Prozeß will ich, gern übernehmen; aber wenn ich euch die Wahrheit sagen soll, so muß ich jetzt schon sagen, daß der Prozeß für euch verloren ist/ Ihr könnt euch denken, wie diese Auskunft auf mich gewirkt hat. Der Advokat muß mir wohl meinen Schrecken angesehen haben, aber unbeirrt fuhr er fort: Mit Geld könnt ihr da nichts ausrichten, denn de?; Petrgwitsch ist reicher als ihr. Er hat ohne Zweifel *die Richter bereits bestochen upd ihr könnt ihn nicht überbieten. Ihr habt außer eurer Frau keinen Zeugen, daß ihr die Kuh gekauft und bezahlt habt. Der Bürgermeister wird ohne mit dem Auge zu zucken, schwören, daß er euch niemals eine Kuh verkauft hat. Beweise habt ihr keine; dagegen hat euer Nachbar soviele Zeugen, als er nur will, daß seine Kuh in eurem Stall gefunden wurde. Nehmt noch dazu das Rischus der Richter und ihr müßt selber einsehexi, daß eure Sache schief steht, wenn nicht etwas ganz Unvorhergesehenes dazwischen kommt.‘ Ich brauche euch doch nicht zu schildern, in was für einer Verfassung ich Dr. Hirschensohn verließ. Es war eine Hoffnungslosigkeit, aus der es keinen Ausweg gab. Mir drohte eine hohe Kerkerstrafe und, weiß der Himmel, was noch dazu. Ich xoar ein an Leib, Ehre und Vermögen geschlagener Mann. Planlos irrte ich durch die Straßen und hatte in meiner Aufregung bald den Weg zum Wirtshaus, wo ich abgestiegen %oart verloren. Ich fragte darum den ersten besten, der mir entgegenkam, danach. ,Ein Fremder?‘ erwiderte der Angesprochene. ,Scholem Alechem!‘ ,Alechem Scholem!‘ gab ich zerstreut zurück. Der andere muß mir den Gram und die Sorge aus den Mienexi gelesen haben, denn er sagte darauf in teilnahmsvollem Tone: Ahr habt Herzxoeh, merkי ich. Vielleicht kann ich euch helfen? Ist jemaxid krankt der euch nahesteht? Habt ihr eine Schuld zu zahlexi oder einexi Prozeß zu führexi?‘ ,Ja, ich habe einexi schwex'en Prozeß‘, antwortete ich, ,es handelt sich .um einen Bilbul, der mich und mein Hans zu ruiniex-exi dx'oht.‘ ,So? Eixi Px'ozeß schlägt eigexitlich in mein Fach‘, sagte jexiei' mit feinem Lächeln. ,Wenn ihr G-tt behüte, einexi Krankexi oder eine Schuld hättet, da wüßte ich kaum Bescheid; dexm ich bixi weder Ax'zt xioch Baxikier. Bei einem Prozeß jedoch kanxi ich euch vielleicht ein bißchexi raten. Was wäre ich soxist für ein Dajaxi?‘ Ich hatte zu dem Manne ein so großes Zutx'auexi, daß ich ihm meine gaxize Geschichte erzählte. Auch, daß ich ebexi von Dr. Hix'Schexisohn käme und voxi ihm eine sehr ungünstige Meixiuxig über dexi Ausgang meines Prozesses hörexi mußte. ,Dr. Hirschensohn?‘ meinte Reb Abex'le, dexm so hieß der Wilnaer Dajan, JJen kenne ich länger und besser als ihr. Er war ein Tälmid voxi mir. Ixi seiner Jugexid war er eixi wirklicher Ilui, aber er ist ein gaxizer Posche Jisroel geworden. Er ißt und trinkt, was G-tt vex'boten hat. Die verbotenen Speisexi sind aber ,metamtem Halew‘ und seitdem hat er dexi besten Teil voxi seinem Sechei verloren. Denxwch bin ich dafür, daß ihr jetzt zu ihm geht uxid ihm sagts daß ihr ihm dexi Prozeß übergebt. Ich hätte euch dazu geratexu Er soll noch heute zu mir kommen, ich wolle ihm dexi Weg zeigen, dexi er zu gehen habe.‘ Ich muß gestehen, daß ich xmr schwerexi Herzens mich auf den Weg zu Dr. Hirschexisohn machte. Ich sollte dem studierten Manne sagexi, daß er ein Am-Hoorez wäre, daß der weltfremde Dajan mehr wüßte als der in ganz Wilna berühmte Jurist! Und der gelehrte Doktor sollte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.